06.03.2018, Essen

Auftakt der Entwicklungsgruppe "Wissensbasiertes Handeln"

Entwicklungs-was? Neugierig sitzen etwa 30 Menschen am 27. Februar in einem Tagungshaus in Essen beisammen. Sie folgen konzentriert dem Input von Dr. Heinz-Jürgen Stolz, der thematisch in diesen Tag führt. Der Leiter des Landesprogramms „Kommunale Präventionsketten Nordrhein-Westfalen“ verdeutlicht den innovativen Charakter des Formats: Die Kommunen können in den Entwicklungsgruppen innovative Ansätze entwickeln und vor Ort ausprobieren.

Foto: ISA / Nina Boos.

Foto: ISA / Nina Boos.

Was sind Themen und Ziel(e) des Formats?
Der Name des Formats ist richtungsweisend, hier soll tatsächlich etwas entwickelt werden: Nämlich innovative, praxistaugliche Ansätze für die Umsetzung kommunaler Präventionsketten vor Ort. Die Idee der Landeskoordinierungsstelle hinter diesem Format ist, aktuelle wissenschaftliche Theorie – den state-of-the-art - zum Thema zu vermitteln und in die Praxis zu überführen. Zur Vorbereitung wurde u.a. in Expertenhearings ein gemeinsames Ziel fokussiert: Wissensbasiertes Handeln. Wissensbasiert meint, dass nicht etwa gefühlte Wahrheiten oder vermeintliche Gewissheiten die Grundlage kommunaler Planung bzw. kommunalen Handelns sein sollen. Vielmehr sollte validiertes Wissen in Form von kleinräumigen Daten sowie die Perspektiven von Fachkräften und Adressaten solide Entscheidungs- und Handlungsgrundlagen bilden.

Wie kommen Theorie und Praxis zusammen?
Das theoretische Modell steht bereits: Aus den Erfahrungen der wissenschaftlichen Begleitung von 18 Kommunen während der vierjährigen Modellphase ist ein Qualitätsrahmen entwickelt worden. Eine von insgesamt vier Stationen im Qualitätskreislauf ist das „Wissensbasierte Handeln“.

Die Station selbst ist wieder unterteilt in einzelne Prozessschritte, sechs an der Zahl. Hieran soll sich auch die Dramaturgie der Entwicklungsgruppe orientieren.

 

Daher stehen, analog zum ersten Prozessschritt, zum Auftakt diese beiden Fragen im Mittelpunkt: 1.Welche (einschränkenden) Bedingungen für gelingendes Aufwachsen lassen sich in der Kommune ausmachen und wie kann man sie abbilden? 2. Wie identifiziere (und modifiziere) ich  „Stellschrauben“ kommunalen Handelns, um diese Bedingungen positiv zu beeinflussen, sodass gelingendes Aufwachsen ermöglicht wird?

Es ist und wird ein Prozess im ständigen Dialog und Austausch: Aus den Erfahrungen und Erkenntnissen der Kommunen wird Wissen generiert, welches wiederum in die Kommunen einfließt. So soll nicht nur die Entwicklung vor Ort vorangetrieben werden, sondern auch der theoretische Überbau stetig „mitwachsen“, angepasst und überarbeitet werden. Die Kommunen sollen innovative Ansätze mitentwickeln und ausprobieren und der Qualitätsrahmen weiterentwickelt werden – ganz im Sinne der Entwicklungsgruppe.

Wie kommt man an Daten?
Diese Frage lässt sich gar nicht so einfach und eindeutig beantworten. Einen Versuch hierzu unternimmt Dr. David Gehne, Geschäftsführer des Zentrums für interdisziplinäre Regionalforschung, kurz ZEFIR. Seit 1996 befasst sich das ZEFIR u.a. mit kleinräumigen Daten im Ruhrgebiet und NRW. Dr. Gehne fasst in seinem 45-minütigen Vortrag „Kleinräumige Planung – Warum und wie?“ kurz und prägnant zusammen, worauf es bei der Datenbeschaffung und Analyse im kommunalen Kontext ankommt und liefert Beispiele für die Umsetzung von kleinräumigen Daten für die Planung wie z.B. die „Sozialräumliche Gliederung der Stadt Düsseldorf“. Dabei verdeutlicht er, wie wichtig nicht nur die Erfassung, sondern auch die Deutung der Daten und die Form der Kommunikation ist. Neben datenschutzrechtlichen Hürden gilt es auch „Pfadabhängigkeiten“ zu überwinden oder neue Pfade zu gestalten. In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass Transparenz (z.B. über Segregation in Stadtteilen oder über den Schulsozialindex), die durch Datenauswertungen geschaffen wird, oftmals entgegen (politischer) Interessen steht und es damit umzugehen gelte. Ebenso spannend ist die Frage, wie sich erfolgreiche Ansätze in andere Kommunen übertragen lassen und was es für den erfolgreichen Transfer und die  Umsetzung braucht.

Ein Blick in die Praxis: Der „Gelsenkirchener Partizipationsindex“
Ein konkretes Beispiel wie man Aufwachsbedingungen von Kindern und Jugendlichen lokalisieren kann, stellt Silvia Bader von der Koordinierungsstelle kommunale Prävention der Stadt Gelsenkirchen vor: den Gelsenkirchener Partizipationsindex. Gelsenkirchen hat bereits viel Erfahrung mit Präventionsketten, schon seit 2005 wird dort an selbigen gearbeitet. Auch an dem Modellprojekt war Gelsenkirchen von Beginn an beteiligt und hat währenddessen u.a. ein Sozialmonitoring an den Start gebracht. Um die ressortübergreifende Zusammenarbeit zu strukturieren gibt es einen Arbeitskreis (Sozial-)Planung. Die 18 Stadtteile Gelsenkirchens wurden in 40 kleinere Einheiten aufgeteilt, so kann man die erhobenen Daten kleinräumiger in diesen Sozialräumen betrachten. Ein Indikatorenkatalog  wurde entwickelt, der von konkreten Fragestellungen ausgeht, z.B.“ Wie gesund sind die Kinder?“

Angeregt durch die Vorträge ging es im Anschluss in den Austausch und zum Sammeln kommunaler Erfahrungen. In den drei Arbeitsphasen am Nachmittag standen die eigenen kommunalen Herangehensweisen im Vordergrund. In moderierten Kleingruppen konnten die Teilnehmenden sich zu den eingangs genannten Fragen austauschen: Wie lassen sich Aufwachsbedingungen von Kindern und Jugendlichen abbilden? Welche „Stellschrauben“ gibt es in der Kommune, um diese Bedingungen zu verändern bzw. positiv zu beeinflussen?

Zum Abschluss zogen die Teilnehmenden eine durchaus gemischte Bilanz, die den Entwicklungsbedarf im Bereich des „Wissensbasierten Handeln“ verdeutlichte: Obwohl vor Ort „vieles vorhanden“ sei, bliebe noch zu oft die Frage „Was machen wir mit den Daten?“.

Hiermit setzt sich die nächste Sitzung der Entwicklungsgruppe auseinander, die am 14.06.2018 unter dem Motto „Daten zu den Aufwachsbedingungen reflektieren“ stattfindet.