20.05.2015, Wuppertal

"Wir sind die Zukunft"

Fast 1.900 Kinder und Jugendliche haben an 14 Beteiligungsprojekten in Wuppertal teilgenommen, um vorhandene Präventionsangebote zu bewerten und ihre Bedürfnisse in Bezug auf deren Gestaltung und Nutzung zu äußern. In einem Fachkräfte-Workshop wurden nun die Ergebnisse präsentiert.

Die Ergebnisse von 14 Beteiligungsprojekte wurden auf dem Fachtag in Wuppertal vorgestellt. Bild: ISA/Henning Severin.

Die Ergebnisse von 14 Beteiligungsprojekte wurden auf dem Fachtag in Wuppertal vorgestellt. Bild: ISA/Henning Severin.

Praktische Tipps für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Bild: ISA/Henning Severin.

Praktische Tipps für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Bild: ISA/Henning Severin.

In drei Workshops wurden die Beteiligungsprojekte vertiefend diskutiert. Bild: ISA/Henning Severin.

In drei Workshops wurden die Beteiligungsprojekte vertiefend diskutiert. Bild: ISA/Henning Severin.

André Schmale setzte die meisten Beteiligungsprojekte um: "Sie bilden die Grundlage dafür, dass das Jugendamt auf Wünsche eingehen kann." Bild: ISA/Henning Severin.

André Schmale setzte die meisten Beteiligungsprojekte um: "Sie bilden die Grundlage dafür, dass das Jugendamt auf Wünsche eingehen kann." Bild: ISA/Henning Severin.

Bei einem Markt der Möglichkeiten stand die Vernetzung verschiedener Berufsfelder im Vordergrund. Bild: ISA/Henning Severin.

Bei einem Markt der Möglichkeiten stand die Vernetzung verschiedener Berufsfelder im Vordergrund. Bild: ISA/Henning Severin.

Claudia Bock, Koordinatorin von "Kein Kind zurücklassen!" in Wuppertal stellte die Plakataktion vor, mit der stadtweit für ein besseres Image von Jugendlichen geworben wird. Bild: ISA/Henning Severin.

Claudia Bock, Koordinatorin von "Kein Kind zurücklassen!" in Wuppertal stellte die Plakataktion vor, mit der stadtweit für ein besseres Image von Jugendlichen geworben wird. Bild: ISA/Henning Severin.

Wuppertals Jugendamtsleiter Dieter Verst: "Wir müssen uns fragen, wie wir als Erwachsene und Fachkräfte die Welt mit Kindern und Jugendlichen gestalten. Sind wir zu überheblich, weil wir glauben zu wissen, was sie brauchen?" Bild: ISA/Henning

Wuppertals Jugendamtsleiter Dieter Verst: "Wir müssen uns fragen, wie wir als Erwachsene und Fachkräfte die Welt mit Kindern und Jugendlichen gestalten. Sind wir zu überheblich, weil wir glauben zu wissen, was sie brauchen?" Bild: ISA/Henning

"Kinder und Jugendliche müssen beteiligt werden": Wuppertals Oberbürgermeister Peter Jung. Bild: ISA/Henning Severin.

"Kinder und Jugendliche müssen beteiligt werden": Wuppertals Oberbürgermeister Peter Jung. Bild: ISA/Henning Severin.

Der Fachtag sei "ein wichtiger Rahmen für Austausch und Diskussion", so Dr. Christina Günther von der Landeskoordinierungsstelle "Kein Kind zurücklassen! Kommunen in NRW beugen vor". Bild: ISA/Henning Severin.

Der Fachtag sei "ein wichtiger Rahmen für Austausch und Diskussion", so Dr. Christina Günther von der Landeskoordinierungsstelle "Kein Kind zurücklassen! Kommunen in NRW beugen vor". Bild: ISA/Henning Severin.

Mehr als 40 Fachkräfte aus der ganzen Stadt tauschten sich beim Fachkräfte-Workshop aus. Bild: ISA/Henning Severin.

Mehr als 40 Fachkräfte aus der ganzen Stadt tauschten sich beim Fachkräfte-Workshop aus. Bild: ISA/Henning Severin.

Jedes dritte Kind in Wuppertal gilt als arm. Im Bundesdurchschnitt ist es jedes fünfte Kind. „Die Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen, sind groß“, so Oberbürgermeister Peter Jung. Chancengleichheit äußere sich auch darin, wie Kinder gefördert würden. Ihm gehe es darum, von vornherein zu verhindern, dass Kinder überhaupt in eine Situation kämen, die im Nachhinein nur schwer zu beheben sei. Jung: „Auch wenn wir nicht so viel Geld haben und eigentlich noch viel mehr machen wollen, werden wir den Präventionsgedanken in Wuppertal hochhalten und in Vorbeugung investieren.“ Es sei unheimlich wichtig, Kinder und Jugendliche zu beteiligen. „Nur so werden Angebote auch akzeptiert.“

Mehr als 40 Fachkräfte aus ganz Wuppertal trafen sich am 11. Mai im Evangelischen Tageszentrum in Barmen zu einem Workshop, um sich über 14 Beteiligungsprojekte zu informieren, die in den Jahren 2013 und 2014 in verschiedenen Stadtteilen und verschiedenen Settings durchgeführt wurden.  Dabei bekamen knapp 1.900 Kinder und Jugendliche die Gelegenheit, vorhandene Präventionsangebote zu bewerten und ihre Bedürfnisse in Bezug auf deren Gestaltung und Nutzung zu äußern.

Die Analyse des Wuppertaler Jugendamtsleiters, Dieter Verst, traf für viele Anwesende ins Schwarze. „Wir müssen uns fragen, wie wir als Erwachsene und Fachkräfte die Welt mit Kindern und Jugendlichen gestalten. Sind wir zu überheblich, weil wir glauben zu wissen, was sie brauchen?“ Kopfnicken im Saal. „Haben wir Kinder und Jugendliche schon einmal danach gefragt, was sie von der frühkindlichen Betreuung halten? Oder machen wir das nur weil es aus Gründen der Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Wirtschaft sinnvoll erscheint?“ Ebenso hätte das Abitur nach acht Jahren zur Konsequenz, dass es für Schülerinnen und Schüler eine 35-Stunden-Woche gebe. „Haben wir sie an dieser für sie elementaren Entscheidung beteiligt?“ Für Dieter Verst geht es darum, Kinder und Jugendliche an wichtigen Entscheidungen, die sie betreffen, teilhaben zu lassen. Das sei durchaus eine Veränderung der Weltsicht. „Mit ‚Kein Kind zurücklassen!‘ können wir nun einen wichtigen Impuls in die richtige Richtung geben.“ Wuppertal sei diesen Weg in den letzten Jahren gegangen.

Moderiert wurde der Fachtag von drei Mitgliedern des Wuppertaler Jugendrates. Christina ist 17 Jahre alt. Seit drei Jahren ist sie im Wuppertaler Jugendrat aktiv, der vom Oberbürgermeister unterstützt wird. „Seitdem ich im Jugendrat bin, weiß ich, was in der Stadt los ist.“ „Die Einbindung der Jugendzentren hat bislang noch nicht so gut geklappt.“ Doch dies ändert sich nun, wie Claudia Bock, Koordinatorin von „Kein Kind zurücklassen!“ auf dem Fachtag berichten konnte: „Ein Ergebnis des Projektes ‚Zeittafel‘ hat ergeben, dass Jugendzentren zu Zeiten geöffnet haben, wenn Kinder teilweise noch in der Schule sind. Nun hat bereits eine Einrichtung die  Öffnungszeiten komplett überarbeitet und ist zusätzlich auch am Wochenende geöffnet.“ Christina und ihre Freunde Ekaterina und Habib, die sich ebenfalls im Jugendrat engagieren, freuen sich über diese Entwicklung. Habib ergänzt: „Wir haben durch den Jugendrat gelernt, wie wir Erwachsene von unseren Argumenten überzeugen können. Das ist sehr wichtig, denn schließlich sind wir die Zukunft.“ Es sei wichtig, dass die Stadt auf sie höre.

In Wuppertal kümmert sich die Stadt im Moment schwerpunktmäßig um die Entwicklung eines Präventionsnetzes für Kinder und Jugendliche von sechs bis 16 Jahren. „Bei den Frühen Hilfen sind wir schon gut aufgestellt“, so Koordinatorin Claudia Bock. Aber wichtig seien eben auch die Reflexion und die beteiligungsorientierte Erfassung der Angebote. Dr. Christina Günther von der Landeskoordinierungsstelle „Kein Kind zurücklassen! Kommunen in NRW beugen vor“ unterstützt die Idee eines Fachtages für Fachkräfte: „So ein Forum bietet einen wichtigen Rahmen, um sich fachübergreifend auszutauschen und die Ergebnisse zu diskutieren.“ Dies könne die Sichtweise auf Kinder und Jugendliche verändern und wichtige Impulse für die Präventionsarbeit liefern.

Die Stadt Wuppertal wirbt stadtweit für ein besseres Image von Jugendlichen. In einer Plakatkampagne unter dem Titel „Jugend stärken“, die in Kooperation mit dem Fachbereich Mediendesign der Bergischen Universität entstanden ist, fordern Jungen und Mädchen die Bevölkerung auf, ihnen Respekt, Vertrauen und Interesse zu schenken. Auch eine Reihe von Web-Videos, die in Zusammenarbeit mit dem Wuppertaler Medienprojekt entstanden sind, gibt einen Einblick in die Welt von Jugendlichen. „Hier sieht man, wie aktiv – die jungen Leute sind. Das entspricht gar nicht dem Klischee, das viele Menschen von Jugendlichen haben. In den Köpfen vieler sitzen sie den ganzen Tag am Computer. Das stimmt aber nicht.“

Die Projekte „…, weil wir es können“, „Wir besiedeln den Mars“ und „Viele, viele bunte Smarties“ sind für Claudia Bock drei Beispiele, an denen sich zeigen lässt, wie sinnvoll die Beteiligungsprojekte gewesen sind. „…, weil wir es können“ ist ein Präventionskonzept zur Stärkung der Persönlichkeitsstruktur und Zivilcourage, das sich an Kinder der Klassen 4 und 7 richtet. Hier haben Kinder eine Menge über Vielfalt gelernt und Strategien entwickelt, wie sie Rassismus entgegengetreten können. „Das haben sie in ihrem Alltag schon anwenden können“, so Bock. Im Projekt „Wir besiedeln den Mars“, das im Jugendzentrum Ronsdorf stattgefunden hat, haben 7-12-Jährige aus eigener Initiative eine eigene Gesellschaftsordnung entwickelt, die ihnen auf der fiktiven Reise zum roten Planeten helfen sollen. Der Nebeneffekt: Im Jugendzentrum wurden daraufhin die Gruppenregeln überprüft und entsprechend angepasst. Bei „Viele, viele bunte Smarties“ haben sich Schülerinnen und Schüler mit Aspekten der Drogen- und Suchtproblematik auseinandergesetzt. „Auch nachdem das Projekt schon lange beendet war, haben alle zurückgemeldet, dass sie davon profitiert haben.“

André Schmale, Honorarkraft bei „Kein Kind zurücklassen!“ in Wuppertal, hat die meisten Beteiligungsprojekte umgesetzt. Er unterstrich, wie wichtig es ist, Beteiligungsprojekte durchzuführen. „Besonders auf kommunaler Ebene ist es ein effektives Element politischer Willensbildung.“ Die Beteiligungsprojekte bildeten laut Schmale ein Element zur Erfassung von Gefühlen, Ängsten und Wünschen der Kinder und Jugendlichen. „Sie bilden die Grundlage dafür, dass das Jugendamt auf diese Wünsche eingehen kann.“

Die Stadt Wuppertal sieht die Ergebnisse der Beteiligungsprojekte als Erfolg. Koordinatorin Claudia Bock denkt schon einen Schritt weiter. „Wir müssen jetzt dahin schauen, wo Kinder und Jugendliche Probleme haben und sich nicht an jemanden wenden, der sie unterstützt.“ Denn die Beteiligungsprojekte hätten auch gezeigt, dass Kinder und Jugendliche sich bei familiären Problemen nicht an Außenstehende wenden, obwohl sie wissen, an wen sie sich wenden könnten. Im Sommer soll in einem Jugendworkshop genau darüber gesprochen und mögliche Unterstützungsangebote identifiziert werden. „Wir wollen hier nicht einfach etwas aus unserer Sicht anbieten. Wir wollen wissen, was die Kinder und Jugendlichen brauchen. Dann werden wir entsprechend handeln.“