Login

Benutzeranmeldung

Geben Sie Ihren Benutzernamen und Ihr Passwort ein, um sich an der Website anzumelden:
22.11.2017, Ahlen

„Eine breite Beteiligungskultur aufbauen“

Mehr Freizeitaktivitäten und schönere Schulen, Sport umsonst für Kinder aus sozial schwächeren Familien und einen neuen Fußballplatz. Das sind einige der Wünsche von Jugendlichen, die sie bei der Beteiligungsaktion „Ahlen neu denken“ im Rathaus äußern durften. Präventionskoordinatorin Marina Bänke will diese für ihr Zukunftskonzept zur Verbesserung der Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen in Ahlen nutzen.

Ein kalter Novemberabend. Vor dem braun-grau verglasten Bauwürfel, in dem das Ahlener Rathaus seinen Sitz hat, stehen Julia, Elena, Theres, Max und Konrad. Die Klassenkameraden vom St. Michael Gymnasium sind alle 16 Jahre alt und nehmen gleich an der Beteiligungsaktion" Ahlen neu denken" teil.

"Wir wollen heute mithelfen, Ahlen attraktiver für Jugendliche zu gestalten", sagt Elena und hat dafür auch schon ein paar Ideen im Gepäck: "Ich glaube, dass es relativ viele Angebote für Jugendliche in Ahlen gibt, aber man davon nichts mitbekommt." Hinweise auf Freizeitangebote müssten anders kommuniziert werden: "Auf Social Networks,", sagt Theres, "Instagram, Facebook! Plakate weiß ich nicht, ob man sich die durchliest" Konrad findet Plakate nicht verkehrt, aber auf die Platzierung käme es an: Plakate in den Schulen würden mehr helfen, als in der Öffentlichkeit.

Wo es nicht nur an Informationen, sondern auch an Infrastruktur fehle, sei der Sportbereich, bemängelt Max: "Mir ist aufgefallen, in Ahlen gibt es keinen öffentlichen Fußballplatz, wo man spielen darf, ohne Angst zu haben, dass man vom Platzwart verscheucht wird". Und auch gemeinsame Freizeitaktionen unter Jugendlichen aus der Stadt Ahlen seien ausbaufähig, findet Julia. Sie lebt in einem der umliegenden Dörfer von Ahlen und ist mit einer Gruppe Jugendlicher in der Landjugend aktiv, die zusammen Aktionen planen, wie Schlittschuhlaufen, Partys, Paintballspielen oder Tannenbaumschlagen für den guten Zweck. "Die Landjugend wird immer mehr überlaufen von Leuten aus der Stadt - anscheinend wünschen die sich sowas", vermutet Julia.

Solche Wünsche und Ideen von Jugendlichen sind es, auf die Marina Bänke neugierig ist. Sie hat die Beteiligungsaktion heute ins Leben gerufen und ist Koordinatorin für den Aufbau einer "Kommunalen Präventionskette" bei der Stadt Ahlen. Was unter dem sperrigen Titel zu verstehen sei, erklärt sie zu Beginn der Veranstaltung den über 25 Jugendlichen, die jetzt in Saal 3 des Rathauses im Stuhlkreis sitzen. "Ich arbeite mit Kollegen vom Jugendamt, der Schule, Kitas oder Schulsozialarbeitern daran, dass Kinder und Jugendliche in Ahlen gut aufwachsen können." Die Veranstaltung ist Teil der Ahlener Präventionswoche, die Bänke initiiert hat, und die sich um vorbeugende Bildungs-, Kultur-, Sport- und Freizeitangebote der Stadt dreht, die Kindern und Jugendlichen ein gelingendes Aufwachsen ermöglichen. Bänke will ein Zukunftskonzept entwerfen, das die Lebensbedingungen junger Menschen in Ahlen verbessert, aber ohne die Zielgruppe selbst, ginge das nicht: "Soll ich mich in meinen Raum 206 setzen, Tür zu und denken, ja, jetzt überlege ich mal was, was könnte hier funktionieren, wo sind die Probleme, wo die Bedarfe, was könnte helfen?" Wenn man über Kinder und Jugendliche redet, muss man laut Bänke auch wissen, was sie sich wünschen und sie ernst nehmen. Um die Bedürfnisse kennenzulernen, hat sie deshalb heute Jugendliche aller weiterführenden Schulen Ahlens eingeladen.

Nach einem Auflockerungs-Quiz zur Stadt Ahlen fragt Moderatorin und Medienpädagogin Selma Brand in die Runde, was man für eine glückliche Kindheit brauche: Den Jugendlichen fällt viel dazu ein: Freizeit, soziale Sicherung, ein guter Familienzusammenhalt, Gewaltfreiheit und Unterstützung durch die Stadt im Ernstfall, etwa durch das Jugendamt. Kita-Plätze und Spielplätze in der Nähe für ihre kleinen Geschwister. Ganz wichtig: WLAN an öffentlichen Plätzen und in der Schule.

So langsam beginnen die Jugendlichen auch konkrete Verhältnisse in Ahlen zu kritisieren. Max, der sich schon vor der Veranstaltung einen Fußballplatz gewünscht hat, bekommt jetzt Verstärkung durch einen anderen Schüler, der oft über Zäune klettere, um heimlich auf privaten Plätzen zu spielen. "Wir brauchen keinen Bolzplatz, sondern einen richtigen Fußballplatz, der gepflegt wird", fordert der junge Mann. Schülerin Carla wünscht sich kostenfreie Sportangebote für Kinder aus sozial schwächeren Familien. Max, wirft ein, dass das aber auf keinen Fall zu einer Trennung von arm und reich führen dürfe. Der Verein müsse für alle derselbe bleiben, nur die Kosten an die soziale Situation angepasst werden. Konrad findet: "Die Hemmschwelle muss gering gehalten werden", damit sich Familien mit weniger Einkommen nicht schämten. Eine junge Frau sucht dringend eine Frauenbasketballmannschaft in Ahlen. Es sei wichtig, zu prüfen, ob es überhaupt genug Interessentinnen für eine solche Mannschaft gebe, nur dann mache es Sinn sich dafür einzusetzen, sagt die Moderatorin. Die Schülerin ist sich sicher, dass genügend Mädchen nur darauf warteten. Selma Brand notiert alle Anregungen auf einem Tabletdisplay, der an die Wand projiziert wird. Was passiert mit den Anregungen der Jugendlichen? Marina Bänke erklärt: "Das ist kein Wunschkonzert, wir können nicht jeden Wunsch erfüllen. Aber uns ist wichtig, aufzunehmen, was unsere Kinder und Jugendlichen für eine gute Kindheit brauchen und diese Dinge in verschiedenen neuen Entwicklungskonzepten der Stadt zu berücksichtigen."

Christina Günther von der Landeskoordinierungsstelle "Kommunale Präventionsketten" NRW, ist heute auch zu Gast, um den Jugendlichen zu erklären, was das besondere an der Präventionskette ist - die Vernetzung der sonst getrennten Systeme Bildung, Gesundheit, soziale Sicherung, Jugendhilfe und Stadtentwicklungsplanung. Wie wichtig die Zusammenarbeit der einzelnen Säulen sei, erklärt sie an einem Beispiel: "Wenn sich Jugendzentren nicht mit den Schulen abstimmen, kann es passieren, dass sie etwa Freizeitaktivitäten zu Zeiten anbieten, in denen die meisten Kinder noch in der Schule sind." Ergo helfe Vernetzung, die Angebote nutzbar zu machen, darunter fielen ganz besonders Beteiligungsaktionen wie diese.

Im nächsten Schritt teilen sich die 25 Jugendlichen in Kleingruppen zu bestimmten Themenfeldern auf. Die Frage einer Gruppe ist: Welche öffentlichen Orte wünsche ich mir zum Chillen? "Runde Sitzgruppen im Berliner Park, damit man mit einem größeren Freundeskreis da sitzen kann", sagt ein Schüler. "In ganz Ahlen", fordert eine andere Jugendliche, weil sie sich aus Geldmangel nicht ständig in Cafés oder Kneipen treffen könnten.

Was macht ein gutes Jugendzentrum aus? Damit beschäftigt sich eine andere Gruppe. "Möglichkeiten zum Lernen", "ein Abendprogramm mit Live-Musik", "Poetry-Slams und Theaterkurse", sammelt diese Gruppe. Ganz wichtig sind den Jugendlichen Betreuer auf Augenhöhe, die ihnen helfend zur Seite stehen, sie aber nicht bevormunden. Der 18-jährige Vladyslav hat einen ganz konkreten Vorschlag: "Das Politcafé für Jugendliche - außerhalb der Schule, parteiübergreifend, mit dem Ziel, dass man sich mit Leuten trifft und diskutiert, um andere Meinungen kennen zu lernen." Als geeigneten Standort für das Café sieht er das Bürgerzentrum. Das sei zentral und habe passende Räumlichkeiten. So weit hat der Schüler schon geplant.

Eine weitere Gruppe fragt nach Veränderungswünschen in der Schule. Eine Schülerin hofft auf Renovierungsarbeiten "Manche Schulen sehen aus wie Gefängnisse!", sagt sie "das belastet die Psyche". Alle lachen, nicken aber auch. Eine modernere mediale Ausstattung fordert ein anderer Schüler.

Marina Bänke ist froh, diese Wünsche zu hören: "Zum Thema Medienausstattung und Digitalisierung arbeitet just der Fachbereich "Schule" Was ich aus diesem Raum kriege, kann ich an meine Kollegen weiter geben." Überrascht ist sie über den ausgeprägten Wunsch nach mehr Freizeitangeboten, weil es schon viele Angebote im Bürgerzentrum gebe. Man müsse die Jugendlichen besser informieren, glaubt sie. So wie es Schülerin Elena bereits vor der Veranstaltung vermutet hat.

Gekommen sind heute Jugendliche vom Gymnasium St. Michael, dem Städtischen Gymnasium, der Fritz-Winter Gesamtschule und der Sekundarschule. "Natürlich hätte ich mir noch eine breitere Teilnahme gewünscht, auch von den Hauptschülern zum Beispiel.", sagt Bänke "Die da sind, sind die, die sowieso aktiv sind und reden." Aber die Aktion sei der erste Schritt, so die Koordinatorin, hin zu einer breiteren Beteiligungskultur: "Das muss sich erstmal etablieren und aufbauen, bis die Jugendlichen irgendwann denken, ah, da ist was, das die Frau Bänke organisiert, da geh ich beim nächsten Mal hin!" Marina Bänke lacht. Sie hofft darauf, dass zukünftig noch mehr Jugendliche ihre Meinung einbringen: "Gerne noch kritischer!"