23.02.2018, Dortmund

Entwicklungsgruppe "Zugänge zu Eltern" gestartet

"Es gibt eine Gruppe, die wird nicht erreicht."

Foto: ISA / Ursula Kansy.

Christin Jasper, stellv. Leitung der Landeskoordinierungsstelle "kommunale Präventionsketten NRW" führte durch den Tag. Foto: ISA / Ursula Kansy.

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Maren Hilke, stellv. Leitung der Landeskoordinierungsstelle "Kommunale Präventionsketten NRW" führte in das Thema ein. Foto: ISA / Ursula Kansy.

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Pilar Wulff, Koordinatorin der Frühen Hilfen in Dortmund referierte über die Lotsensysteme vor Ort. Foto: ISA / Ursula Kansy.

Es gibt Familien, die nehmen kommunale Unterstützungsangebote nicht wahr. Mit diesem Kernproblem setzt sich die Entwicklungsgruppe „Bedarfsorientierte Gestaltung von Zugängen zu Eltern“ auseinander.

Die "schwer Erreichbaren" sind Thema in jeder Kommune, die sich den Aufbau einer lückenlosen Präventionskette zum Ziel gesetzt hat. Denn oft scheint das aus Sicht von Kommunen genau die Gruppe zu sein, für die Unterstützung wichtig wäre.

Die vermuteten Gründe für das "nicht Erreichen" sind vielfältig. Sei es, dass den Familien die Informationen über die Angebote fehlen, die Angebote nicht passgenau genug sind, oder die Ressourcen für die Wahrnehmung der Angebote in der Familie nicht zur Verfügung stehen. Weitere Gründe könnten sein, dass das Vertrauen in den unterstützenden Charakter des Angebots fehlt oder auch das Vertrauen zu den anbietenden Institutionen.

Die Erfahrung aus der kommunalen Praxis, dass Angebote der Präventionslandschaft bestimmte Gruppen schwer erreichen, spiegelt sich auch in den Ergebnissen der wissenschaftlichen Begleitforschung der Bertelsmann Stiftung aus der Modellphase des Projekts "Kein Kind zurücklassen! Kommunen beugen vor" wieder. Aus einer Familienbefragung durch Faktor Familie aus dem Jahr 2014 geht nicht nur hervor, welche Angebote von Familien angenommen werden, sondern auch welche Familien es sind, die Angebote annehmen oder eben nicht. Dabei wird deutlich, dass etwa medizinische Vorsorgeuntersuchungen von nahezu allen Familien in Anspruch genommen werden, Kinderärzte einen guten Zugang zu fast allen Familien haben und sich die Eltern auch dort über Angebote informieren. Ganz anders sieht es etwa bei Eltern-Kind-Programmen aus - einem "Klassiker" unter den primärpräventiven sozialpädagogischen Angeboten. Die Eltern-Kind-Programme werden deutlich weniger von Familien mit Risikolagen (Migrationshintergrund, Alleinerziehend, Mehrkindfamilien, niedrige Qualifikation etc.) wahrgenommen als vom Durchschnitt der Familien.

Es lässt sich also eine sozial selektive Inanspruchnahme von Angeboten feststellen. Doch wie können die Kommunen da entgegenwirken? Wie werden präventive Angebote auch für bislang nicht erreichbare Gruppen zugänglich? Die Entwicklungsgruppe "Bedarfsorientierte Gestaltung von Zugängen zu Eltern" will Lösungswege für diese Fragestellungen erarbeiten. Auch wenn jede Kommune eine andere Ausgangslage mitbringt und die Voraussetzungen sich schon allein wegen der Größe und Struktur unterscheiden, hat sich die Entwicklungsgruppe "Zugänge" zum Ziel gesetzt, die Ansatzpunkte einzeln in den Blick zu nehmen und an einem übertragbaren Analyseschema zu arbeiten. Letztlich sollen Handlungsempfehlungen zur systematischen Bearbeitung entstehen, die in angepasster Form in allen Kommunen anwendbar sind.

Zu der Entwicklungsgruppe hat die Landeskoordinierungsstelle "Kommunale Präventionsketten NRW" eingeladen. Es treffen sich Fachleute aus 17 Projekt-Kommunen und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus der Landeskoordinierungsstelle, die den Prozess steuern, die Arbeit in der Gruppe moderieren, begleiten und aufbereiten. Träger der Landeskoordinierungsstelle "Kommunale Präventionsketten NRW" ist das Institut für soziale Arbeit e.V. in Münster. Die Arbeit an dem Entwicklungsthema "Bedarfsorientierte Gestaltung von Zugängen zu Eltern" ist zunächst in vier Sitzungen geplant.

Zur Vorbereitung der Entwicklungsgruppe hat die Landeskoordinierungsstelle ein Hearing mit Expertinnen und Experten durchgeführt, mit der Zielsetzung die Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitforschung, aus Familienbefragung und Elterninterviews, mit den Erkenntnissen aus der kommunalen Praxis in Beziehung zu setzen. Hier zeigten sich verschiedene Ansatzpunkte, die konkrete Möglichkeiten der Optimierung von Zugangswegen bieten. Diese Ansatzpunkte sollen nun in der Folge systematisch betrachtet und anhand von Prüffragen aufbereitet werden, umso eine flächendeckende Qualitätsentwicklung zu befördern.

Bei der Eröffnungssitzung der Entwicklungsgruppe am 14. Februar in Dortmund stand als erstes Thema die systematische Umsetzung von Lotsensystemen im Fokus. Wer kommt mit welchen Familien in Kontakt? Wem vertrauen Familien? Wer erweist sich als stabile Anlaufstelle? Und wie können stabile Anlaufstellen auch wirklich als Multiplikatoren gewonnen werden?

Initiates file downloadHier geht es zur Präsentation von Maren Hilke, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Landeskoordinierungsstelle "Kommunale Präventionsketten"

Einen einführenden Impuls setzte Pilar Wulff, Koordinatorin Frühe Hilfen der Stadt Dortmund, und referierte über Gute Praxis-Ansätze im Bereich der Lotsensysteme vor Ort. Als ein Beispiel diente die Zusammenarbeit mit den Dortmunder Hebammen, die als Türöffner im Kontakt zu jungen Familien fungieren. Wulff beleuchtete nicht nur die fruchtbare Kooperation mit den Hebammen, sondern gab insbesondere wertvolle Einblicke in den Entstehungsprozess der Zusammenarbeit. Um dieses Lotsensystem zu aktivieren, bedurfte es vieler Vorüberlegungen. Denn nicht nur die Zielgruppe der Angebote muss für passgenaue Angebote genau angeschaut und definiert sein, auch die anvisierten Lotsinnen und Lotsen müssen ihren Interessen gemäß angesprochen und eingebunden werden. In diesem Fall war es wichtig zu ermitteln, was wollen Hebammen? Wie können wir diese Gruppe erreichen und motivieren? Welche Interessen müssen bei diesem gewünschten Partner gesehen und bedient werden? So bietet Dortmund seinen Hebammen Schulungen an und hat auch als Arbeitsunterstützung eine Hotline an den Start gebracht.

Opens external link in new windowHier geht es zu einem Video über die Frühen Hilfen in Dortmund.

Das genaue Hinschauen auf die Zielgruppe ist immer ein erster Schritt vor dem Aufbau eines Lotsensystems und Basisarbeit, die geleistet werden muss. Und genau das haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in der Entwicklungsgruppe getestet. Mit fünf konkreten Fallkonstruktionen näherten sich die Akteure aus den Kommunen dem Thema. Ganz bewusst und konkret wurden Blickwinkel und Perspektiven gewechselt, um den Lebenswelten und damit auch den Bedarfen von fünf verschiedenen Familien mit Belastungslagen näher zu kommen. Wie und wo lebt die Familie? Welche Ressourcen hat sie? Und welche Belastungen? Wem vertraut die Familie und von wem nimmt sie Tipps an? Aus so einem Perspektivwechsel, als Teil der Zielgruppenanalyse, ergeben sich Hinweise auf geeignete Lotsinnen oder Lotsen.

Der nächste Schritt ist dann der genaue Blick auf das anvisierte Lotsensystem. Wo und wie arbeiten meine Lotsen? Welche Ansprachebedarfe muss ich bei meiner Lotsengruppe berücksichtigen? Welche Qualifizierung kann und muss ich den Lotsen anbieten? Auch für diese Planungsschritte entwickelte die Gruppe Schritte und Leitfragen für den strukturierten Aufbau von bedarfsorientierten Lotsensystemen in Kommunen. Die Arbeit der Entwicklungsgruppe "Zugänge" soll aber nicht reine Theorie bleiben. Vier Kommunen haben die Aufgabe angenommen, dieses Verfahrensmodell in der Praxis zu testen. Bei den nächsten Treffen können dann schon Erfahrungen aus der Praxis die Theorie korrigieren oder ergänzen, um letztlich dem Ziel von belastbaren Handlungsempfehlungen immer näher zu kommen.

Die nächste Sitzung der Entwicklungsgruppe "Bedarfsorientierte Gestaltung von Zugängen zu Eltern" findet im Juni statt.

Im Rahmen des Projekts "Kommunale Präventionsketten NRW" starten parallel zwei weitere Entwicklungsgruppen zu den Themen "Strategien zur Einbindung des Gesundheitswesens in die kommunale Präventionskette" und "Wissensbasiertes Handeln".