23.01.2018, Werne

„Es geht uns um Entlastung!“

Ein entspannter Morgen mit dem Neugeborenen im Elterncafé, Beratung und Hilfe in Ehe- oder Lebenskrisen oder die Vermittlung von Kindertagesbetreuung: Das sind nur drei der 16 Angebote unter dem Dach des FamilienNetz Werne, das Familien trägerübergreifend unterstützen und entlasten will. Ein Besuch im „Bunten Haus“.

Die jungen Mütter Sarah Grundmann (28), Lisa Lüning (29) und Elli Norris (33) (von links) genießen die Zeit im Elterncafé. Bild: ISA/ Lena Gilhaus

Bettina Stilter (links) vermittelt Eltern mit Bedarf auch an weitere Unterstützung, wie die Familienpaten oder Beratungstsellen weiter. Bild: ISA/Lena Gilhaus.

Der Treff im Elterncafé ist freiwillig und unverbindlich, um den Müttern im hektischen Alltag mit einem Neugeboren keinen Druck zu machen. Bild: ISA/Lena Gilhaus.

Ute Ortmann (Mitte) steht den Müttern mit Fachwissen und Verständnis zur Seite. Bild: ISA/Lena Gilhaus.

Die Sitz- und Spielecken, Beratungssprechzimmer und das Café nutzen verschiedenen Träger für ihre Unterstützungsangebote in gemütlicher Atmosphäre. Bild: ISA/Lena Gilhaus.

Nach einer gemütlichen Kaffeerunde mit ihren Babys, freuen sich die Mütter auf den nächsten Besuch im Elterncafé des "Bunten Hauses". Bild. ISA/Lena Gilhaus.

Babys plappern und sabbern, Löffel rühren in Tassen, bunte Stofftiere liegen auf dem Boden verteilt. Im "Elterncafé" sitzen an diesem Morgen drei junge Mütter mit ihren Neugeborenen um einen Tisch, unterhalten sich, trinken Kaffee. "Ich freue mich, dass mein Kind hier in Kontakt zu anderen Kindern kommt und ich mich mit anderen Müttern austauschen kann", sagt Elli Norris, 33 Jahre alt, mit ihrer Tochter auf dem Schoß. Eignet sich Kuhmilch für den Abendbrei? Ist es noch normal, dass mein Kind so schlecht durchschläft? Die Themen der Mütter wechselten von Woche zu Woche, erzählt die junge Mutter, reichten vom Durchschlafen des Kindes, zur Ernährung bis zu den ersten Zähnchen. Junge Mütter wie sie plagten oft Sorgen und Ängste: "Hier weiß man, dass man nicht alleine ist. Den anderen geht es genau so." Man sei in der gleichen Situation, mit gleichaltrigen Babys, finde ein offenes Ohr. "Alleine, dass man dann sagen kann: `Boar! War das anstrengend die letzte Nacht`."

Mit am Tisch sitzt die systemische Familienberaterin Ute Ortmann, die den Ablauf des wöchentlichen freien Treffs moderiert und den Müttern Informationen rund ums Baby gibt. Sie leitet im wöchentlichen Wechsel mit Hebamme Angelika Brümmer-Becker das Elternstart-Angebot im Auftrag der Familienbildungsstätte Werne. Im Elterncafe veranstaltet diese Themenvormittage, wie zuletzt zum "Handling" der Babys mit einer Physiotherapeutin. Daran erinnert sich Elli Norris gern zurück. "Als Mutter von drei Kindern dachte ich, schon alles zu wissen." Aber im Kurs habe sie gelernt, erzählt sie weiter, ihr Kind öfters unterm Bauch zu halten. Das fördere das eigenständige Halten des Kopfes: "Mein Baby war das erste im PEKip-Kurs , das den Kopf hochhalten konnte: ich bilde mir ein, weil sie es mir gezeigt hat", lacht Norris.

Der Treff am Morgen ist unverbindlich und offen: "Um gestressten Müttern nicht noch mehr Druck zu machen", sagt Ortmann. Anders als in Bewegungsangeboten und Eltern-Baby-Gruppen gibt es kein Extraprogramm fürs Kind: "Hier ist Zeit, einfach zusammen zu sitzen, Kaffee zu trinken und die Kinder beschäftigen sich ein bisschen", schwärmt eine andere junge Mutter.

Das Elterncafé liegt im seitlichen Trakt des "Bunten Hauses", in dem das FamilienNetz Werne seinen Sitz hat. Den Gang runter kommt gerade Silke S.* aus einem Termin mit ihrer Beraterin für Ehe und Familie. Hinter ihr liegen eine Reihe Schicksalsschläge. Seit dem Tod ihres Mannes komme sie regelmäßig zu Ingrid Löblein von der Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle (EFL) im Bistum Münster. Löblein bietet alle 14 Tage Sprech- und Beratungsstunden im "Bunten Haus" an. Die Beratung ist kostenfrei und kann alle Alltagsthemen betreffen - Partnerschaftsprobleme, Mediation Trennungs- oder Sexualberatung. Die Diplom-Sozialpädagogin bietet Einzel-oder Paargespräche an und glaubt: "Je stabiler die Eltern, umso besser geht es den Kindern."

Das Angebot soll die Lücke schließen, die für Menschen mit Therapie- oder Beratungsbedarf entsteht, die aber keinen Therapieplatz finden. Seit längerer Zeit kommt Silke S. nun etwa einmal im Monat her, habe durch die Beratungen viel über sich gelernt: "Ich war für meine Eltern immer das böse Kind. Hier habe ich herausgefunden, dass das gar nicht stimmt. Dafür musste ich 56 Jahre alt werden". Diese Erkenntnis habe sie erst einmal sehr wütend gemacht, dann aber den Willen freigesetzt, es selbst bei den eigenen Kindern anders zu machen.

Ingrid Löblein will ihren Klienten Halt geben, Anlaufstelle sein für alle Probleme des täglichen Lebens. "Auch wenn da nicht von jetzt auf gleich eine Lösung da ist, aber ich werde fähig, das auszuhalten, da durchzugehen", sagt Löblein, "mit jemandem, der an meiner Seite steht".

Offene Sprechstunden, kurze Wege und viele Partner unter einem Dach - das sei das Konzept des FamilienNetzes Werne, sagt die Koordinatorin Bettina Stilter, die mit ihrer Kollegin Elisabeth Meßner gerade in ihrem Büro direkt am Eingang des "Bunten Hauses" sitzt. Im 2009 gegründeten Netzwerk verfolgten der kommunale und die freien Träger gemeinsam das Ziel, die Situation von Familien, Kindern und Jugendlichen in Werne zu verbessern, sagt sie. Die Stadt Werne habe dafür Geld in die Hand genommen, Stilters und Meßners Stellen geschaffen und die Räumlichkeiten im "Bunten Haus" angemietet. Unter seinem Dach sind zur Zeit 16 Angebote unterschiedlicher Träger untergebracht, die je nach Nachfrage geschaffen oder auch wieder abgeschafft werden. Dazu zählen die Kindertagespflege und die "Familienpaten". Diese Angebote betreut die Sozialpädagogin Meßner: "Ich bringe Eltern, die nach Kinderbetreuungen suchen mit qualifizierten Kindertagespflegeltern zusammen", erzählt sie. Außerdem betreut sie das Familienpatenprojekt, in dem Ehrenamtliche junge Familien im Alltag entlasten. Acht Familienpaten seien bereits im Einsatz, drei kämen nach dem Abschluss der Schulung in diesem Jahr noch dazu. "Wir haben schon eine Warteliste, so dass die drei Neuen wahrscheinlich sofort starten können", hofft Meßner, die die "Niedrigschwelligkeit" des Netzwerkangebots lobt: "Weil wir eben nicht das Wort Jugendamt drüber stehen haben, haben die Familien weniger Vorbehalte."

Auch könnten Synergieeffekte genutzt werden. "Weil jeder von jedem weiß", sagt Bettina Stilter von der Stadt Werne. Die mal interessierte Besucher des Elterncafés an eine Beratungsstelle weiter leitet, wiederum andere an einen Familienpaten, der bei der Kinderbetreuung unterstützt. Wenn sie im Haus kein passendes Unterstützungsangebot finde, vermittle sie an andere Angebote in der Stadt oder springe auch mal selbst ein. Dann lade sie Eltern zu einem Erstgespräch in ihr Büro ein. Sie habe aber auch schon mit einem Arbeitgeber einer hilflosen Mutter telefoniert, die keine Betreuung für ihr Kind fand, und neue Arbeitszeiten ausgehandelt und in einem anderen Fall einer verzweifelten Familie mit fünf Kindern bei der Wohnungssuche geholfen.

"Es geht uns um Entlastung", sagt Stilter jetzt. "Immer da, wo Eltern überfordert sind und keine Möglichkeit mehr sehen, wird es problematisch." Etwa dann, wenn Mütter isoliert seien und keine Informationen über Hilfsmöglichkeiten hätten. Um ihr Angebot stadtweit bekannt zu machen, arbeite man deshalb an regelmäßigen Presseauftritten, drucke Broschüren und Flyer. Mit Erfolg, glaubt Stilter: Das "Bunte Haus" sei inzwischen auch ein bunter Hund in Werne: "Es ist bei unseren 30.000 Einwohnern inzwischen etabliert. Das haben wir geschafft."

*Name von der Redaktion geändert