25.07.2018, Aachen

Familiengrundschule in Aachen

eine Brücke zwischen den Lebenswelten Familie und Schule

Foto: ISA / Martin Scherag.

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Das Elterncafé befindet sich im Foyer der Schule und ist nicht zu übersehen. Foto: ISA / Martin Scherag.

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Jürgen Gerhards arbeitet als Schulsozialarbeiter in der Aachener Grundschule Driescher Hof. Foto: ISA / Martin Scherag.

Annette Tiltmann aus dem Fachbereich Kinder, Jugend und Schule koordiniert die kommunale Präventionskette in Aachen. Foto: ISA / Martin Scherag.

Monika Wagner, Schulleiterin der Aachener Grundschule Driescher Hof. Foto: ISA / Martin Scherag.

Foto: ISA / Martin Scherag.

 

Eine oft gelebte Routine: Eltern geben morgens ihr Kind in der Schule ab. Das Kind taucht ein in die Lebenswelt Schule. Nach Schulschluss kehrt es zurück in den Bereich der Familie. Und oft ist es schwierig, Informationen, Bedarfe oder Probleme zwischen beiden Bereichen zu kommunizieren.

An diesem Berührungsdefizit setzt das Konzept der Familiengrundschule in Aachen an. Sie lädt die Eltern in die Schule ein: über ein Elterncafé. Die Eltern bekommen Zugang zur Schule, erleben Teile des Schulalltags ihres Kindes, tauschen sich mit anderen Eltern aus. Sie können Probleme aus der Familie mitbringen, diskutieren und Lösungsansätze erfahren. Dieses Konzept hat die Stadt Aachen an zwei verschiedenen Standorten mit insgesamt vier Familienbildungsstätten umgesetzt.

 

Opens external link in new windowFamiliengrundschule Driescher Hof

Gleiwitzer Straße 10
52078 Aachen
ggs.driescher-hof@mail.aachen.de

Träger: Stadt Aachen, Helene Weber Haus, Martin Luther Haus

 

Opens external link in new windowFamiliengrundschule Am Haarbach

Haarbachtalstr. 10
52080 Aachen
ggs.am-haarbach@mail.aachen.de

Träger: Stadt Aachen, Deutsches Rotes Kreuz, In Via Aachen

Voraussetzung für ein lebendiges Elterncafé ist eine vertrauensvolle Atmosphäre. Und die hat Fatma Kamis, Mutter einer Zweitklässlerin, hier an der Grundschule Driescher Hof in Aachen gespürt: "Die Eltern kommen mit Problemen jeder Art. Wir sprechen nicht nur über die Kinder. Auch Haushalt, Beziehung, Sorgen jeglicher Art werden hier zur Sprache gebracht. Manche Mütter bringen auch ihre Behördenbriefen mit, die sie nicht verstanden haben. Das wird dann hier in Gemeinschaft geklärt."

Das Elterncafe bietet eine gute Plattform, Eltern Hilfe und Unterstützung früh und frühzeitig zu offerieren und zwar durch persönliche Ansprache der Fachleute - auch aus dem jeweiligen Sozialraum. Sie sind als "Gäste" im Elterncafe herzlich willkommen. Außerdem ist das Elterncafe ein Ort der Partizipation: Im Gespräch mit Eltern können bestimmte Bedarfe direkt angefragt und besprochen werden.

Die Aachener Grundschule Driescher Hof ist in einem Sozialraum, wo es viel Förderbedarf bei Kindern und Familien gibt. Das fängt schon bei der Sprache an. Zum Elterncafé kommen einige Mütter, die wenig deutsch sprechen. Sie bekommen die Möglichkeit, es in der Familiengrundschule lernen, weil hier dieser Bedarf wahrgenommen wurde. "Wir greifen die Themen auf, die mitgebracht werden", erklärt Schulsozialarbeiter Jürgen Gerhards, "Auch mit externen Partnern." So bietet die Familiengrundschule vor Ort VHS-Deutschkurse an oder lädt Beratungsstellen ein. Das Kommunale Integrationszentrum und auch der Jobcenter haben sich schon vorgestellt. Die Familiengrundschule ist gut vernetzt. Und sie profitiert von der Erfahrung des freien Trägers, der das Elterncafé betreibt: das Helene Weber Haus und das Martin-Luther-Haus. So ist es etwa möglich einen kostenfreien Schwimmkurs kurzfristig auf die Beine zu stellen, weil der Träger die Kontakte zu Schwimmhallen und Trainern hat. Beide Träger bringen bereits Erfahrungen mit, Eltern in benachteiligten Lebenslagen anzusprechen. Davon profitiert die Familiengrundschule. Nicht zu unterschätzen ist die Persönlichkeit der Elternbegleiterin, die von den Familienbildungsstätten im Elterncafe eingesetzt ist. Beziehung und Vertrauen ist ein zentraler Gelingensfaktor.

Um an den Angeboten der Familiengrundschule teilzunehmen, müssen die Familien nicht im Elterncafé aktiv sein. In manchen Fällen spricht auch die Schulleiterin, Monika Wagner, Eltern an und empfiehlt die Kurse. Denn sie sieht die Bedürfnisse und Förderbedarfe der Kinder in ihrer täglichen Arbeit. "Für eine fruchtbare Zeit in der Schule ist es ganz wichtig, zu beobachten, was bringt das Kind denn eigentlich alles mit? Eben auch die familiären Dinge, die man im Blick haben sollte, wenn man den Kindern gerecht werden möchte", so Wagner. Und die Eltern vertrauen der Schulleiterin und nehmen die Angebote an, weil sie diese empfiehlt und der Kurs in der Schule stattfindet. So werden Wege geebnet, fachlich ausgedrückt: Zugänge und somit Teilhabe ermöglicht. Auf Eigeninitiative oder alleine über Flyer, hätten die Eltern die Angebote der Familienbildung niemals angenommen. Das ist die Einschätzung von Annette Tiltmann, Koordinatorin der Präventionskette.

Der gute Kontakt zwischen Elterncafé, Schulleitung und Kollegium ist eine weitere Grundvoraussetzung für das Gelingen des Konzepts Familiengrundschule. Da sind sich Schulleiterin Wagner und Schulsozialarbeiter Gerhards einig. "Man muss sich bewusst machen: Da kommt ein externer Träger von außen in die Schule. Das muss die Schulleitung, aber auch das Kollegium, erst einmal zulassen. Wir haben von Anfang an versucht, die Lehrer einzubinden", berichtet Gerhards.

Die Offenheit war da. Der Austausch funktioniert. Auch wenn damit schon gute Startbedingungen geschaffen waren, hat es einen langen Atem gebraucht bis das Konzept aufgegangen ist. Über ein Jahr hat es gedauert, bis das Elterncafé richtig belebt war. "Wir haben vieles ausprobiert, haben mit Briefen und Aushängen gearbeitet, und sind auch mit manchen Ansätzen gescheitert.", so Gerhards. Mitbestimmend für den Erfolg war es, den richtigen Ort zu finden und die richtige Zeit. Das Elterncafé wird gut angenommen seit es sichtbar und spürbar ist. Es findet jetzt im Eingangsbereich der Schule statt. Eine stärkere Transparenz ist kaum vorstellbar. Direkt morgens um 8:00, wenn die Eltern den Weg zur Schule mit ihren Kindern machen, ist das Elterncafé geöffnet und lädt zum Austausch ein. In der Grundschule Driescher Hof klappt es. Die Angebote der Familiengrundschule werden angenommen. Die Eltern kommen regelmäßig.

"Das besondere an dem Konzept der Familiengrundschule ist, dass hier die Versäulung der verschiedenen Bereiche Schule und Jugendhilfe aufgehoben wird. Das passiert automatisch, weil die Themen von den Familien kommen. In den Köpfen der Familien gibt es keine Ressortgrenzen." Die Zielgruppe ist also selbst der inhaltliche Gestalter. Die Bedürfnisse der Familien und besonders der Kinder bestimmen die Themen. So ist es möglich, den vielzitierten Leitgedanke "vom Kind her zu denken" umzusetzen.

Der Weg die Familiengrundschulen zu entwickeln war nur mit enormer Unterstützung des Landes NRW möglich. Über zwei Jahre erhielten die Akteure finanzielle Unterstützung im Programm "NRW hält zusammen - für ein Leben ohne Armut und Ausgrenzung.

Die Aachener Kommunalpolitiker sind von diesem Ansatz überzeugt. Nun ist die Finanzierung für zunächst 2 Jahre bis Ende 2019 durch städtische Haushaltsmittel gesichert. Im Laufe dieser Zeit wird das Projekt evaluiert, wenn die Ergebnisse weiterhin überzeugend sind, besteht eine reelle Chance auf Weiterfinanzierung.

Doch das ist noch nicht genug, die Stadt Aachen legt nicht die Hände in den Schoß. "Wir haben einen Antrag nach Bundespräventionsgesetz gestellt", erklärt Annette Tiltmann von der Stadt Aachen. Sie ist kommunale Netzwerkkoordinatorin gegen Kinderarmut und Koordinatorin in dem Projekt "Kommunale Präventionsketten NRW". Mit diesen Mitteln sollen die beiden Familiengrundschulen - somit auch die Grundschule Driescher Hof - in eine "Gesunde Familiengrundschule" entwickelt werden.