05.10.2018, Mönchengladbach

Brücke zur Bildungsgerechtigkeit

Wer in Mönchengladbach sein Kind zur Schuleingangsuntersuchung bringt, der trifft dort vielleicht schon eine HOME-PLUS-Mitarbeiterin, die bei Unsicherheit und offenen Fragen ihre Beratung anbietet. Seit 2015 gibt es HOME-PLUS – Bildungsförderung an Grundschulen. Die Testphase war so erfolgreich, dass die private Wübben Stiftung und die Kommune das Angebot bis 2020 weiter finanzieren. Und: Die Lehrkräfte der Grundschulen werden zukünftig mit einem einheitlichen Sozialraumordner ausgestattet, um ihre Zusammenarbeit mit Eltern zu optimieren.

Der Grad des Schulabschlusses der Kinder steht häufig mit dem Einkommen und Bildungsstand des Elternhauses in Verbindung. Studien zeigen, dass Kinder von Eltern mit einem Hochschulabschluss meist das Gymnasium besuchen, ebenso verhält es sich bei Eltern mit einem Real- oder Hauptschulabschluss. Auch ihre Kinder werden höchstwahrscheinlich eine mittlere oder niedrige Bildungsstufe erreichen. Die Bildungschancen sind also ungleich verteilt.

Das Vorhaben „Kommunale Präventionsketten NRW“ will befördern, dass Zugänge in die außerschulische Angebotslandschaft für alle Kinder und Jugendlichen und Familien in Kommunen passgenauer werden und damit einen Beitrag zum gelingenden Aufwachsen leisten. Das Projekt HOME (Hilfe und Orientierung für Mönchengladbacher Eltern) gibt es bereits seit 2010 für die Bereiche Kita, Familienzentrum und Grundschule. Mit HOME-PLUS wurde das Angebot 2015 unter Beteiligung des Mönchengladbacher Schulamtes,der Sozialdezernentin und des Bildungsdezernenten um die Weichenstellung für mehr Bildungsgerechtigkeit  weiterentwickelt. In den Gemeinschaftsgrundschulen Eicken, Erich-Kästner, Mülfort-Dohr, Waisenhausstraße und der Katholischen Grundschule Untereicken bieten pädagogische Fachkräfte mittlerweile ihre Beratung rund um Themen der Bildungsförderung an, damit alle Eltern ihre Kinder unterstützend durch die Schulzeit begleiten können.

Einen der ersten Kontakte mit HOME-PLUS haben die Eltern in der Wartezone bei der Schuleingangsuntersuchung im Gesundheitsamt. Hier stellt sich die Mitarbeiterin den Eltern vor und bietet sich als direkte Ansprechperson der zukünftigen Grundschule an. „Etwa, wenn die Ärztin sagt: `Ihr Kind braucht noch bis zur Einschulung einen Logopäden oder einen Sportverein`,“ sagt Projektkoordinatorin Annika Ahrens. „Dann haben die direkt ein Gesicht, das sie schon mal vor der Einschulung gesehen haben, was ihnen die Hand reicht. Und das sagt: `Ich kenne mich in Ihrem Stadtteil aus, kommen sie doch zu mir in die Grundschule und ich besorge Ihnen das Angebot, das ihr Kind laut der Ärztin vom Gesundheitsamt braucht.“

In der Grundschule beantworten die Fachkräfte dann später alle offenen Fragen der Eltern, etwa rund um das deutsche Schulsystem oder verweisen in sinnvolle außerschulische Angebote im Stadtteil: wie Nachhilfeangebote, Übermittagsbetreuung oder Musikunterricht.

Die HOME-PLUS-Mitarbeiterinnen wirken auch bei den Elternsprechtagen und -abenden mit und bieten davor und danach Raum für Fragenklärung und Zusatzinformationen an. Auch organisieren sie gemeinsame Gruppenangebote für Eltern, Schülerinnen und Schüler und auch für Eltern und Kind gemeinsam. Etwa begleiten sie Elterngruppen jährlich zum „Tag der offenen Tür“ in die weiterführenden Schulen im Umfeld, um die Zugangsschwellen herabzusenken und Eltern mit ihren Fragen aufzufangen. Etwa Menschen, die gerade erst nach Deutschland gekommen sind, Sprache und Schulsystem noch nicht kennen, oder Menschen, die Fachausdrücke überfordern, sagt Annika Ahrens: „Die Schulleitung erklärt den Eltern der 4. Klässler zwar in einer Info-Gruppenveranstaltung, welche Schulformen es gibt. Aber manche brauchen hierzu noch Zusatzerklärungen, z.B. einen Übersichtsflyer in Muttersprache oder schlichtweg eine Wiederholung in einfacher Sprache. Über die HOME-PLUS-Mitarbeiterin haben sie jetzt eine Ansprechpartnerin.“

Annika Ahrens und ihre Kolleginnen wollen Eltern an die Schule binden, die bislang dort weniger aktiv waren und somit auch weniger Einfluss auf die Zukunft ihrer Kinder nehmen konnten. „Deshalb bieten wir Gruppenveranstaltungen an und dass jemand mal nachhakt, und fragt: `Warum waren sie denn beim Elternsprechtag nicht da?` Aber nicht mit erhobenem Zeigefinger!“ Unterstützung bietet HOME-PLUS auch bei der Suche nach einer Übermittagsbetreuung. Eltern von Kindern, die keinen Platz im Offenen Ganztag bekommen haben, werden an alternative wohnortnahe Partner, wie etwa die Kirche, vermittelt, die auch Hausaufgabenbetreuung für Grundschulkinder anbietet und wovon viele Eltern laut Annika Ahrens vorher nicht wussten. Der Einsatz hört in der Grundschule und der direkten Elternarbeit aber nicht auf. Die Fachkräfte geben auch Impulse, dass sich Grund- und weiterführende Schulen stärker verzahnen, durch Schülerhospitationen und schulübergreifenden Austausch. Das soll für einen bruchlosen Übergang sorgen und dafür, dass die Schülerinnen und Schüler auch in der nächsten Schule ihre Potenziale ausschöpfen können. Annika Ahrens hofft, dass der Austausch, einmal von HOME-PLUS angestoßen, selbstständig weiterläuft.

Insgesamt möchte HOME-PLUS auf die drei Adressatenkreise: Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler und die Eltern in ihrer Rolle als Bildungsbegleiter bildungsfördernd einwirken. „HOME-PLUS bildet eine kleine Brücke dazwischen: niedrigschwellig und adressatengerecht“, sagt Ahrens.

Und das bestätigt auch ein Monitoring. Das Projekt, das von der Wübben Stiftung mit 150.000 Euro und 40.000 Euro von der Stadt Mönchengladbach pro Schuljahr finanziert wird, war laut der Untersuchung in den drei Schuljahren von 2015 bis 2018 erfolgreich und wird deshalb jetzt bis Ende des Schuljahres 2019-2020 weiter finanziert. Aus Sicht der Wübben Stiftung gelingt es im Rahmen von Home Plus besonders gut, neuralgische Punkte in der Bildungsbiografie zu identifizieren, an denen sich Eltern wirksam adressieren lassen.

Eine Untersuchung im Dreijahresverlauf zeigt, dass das Angebot immer stärker genutzt wurde. Die Beratungen in der Grundschule, die sich von rund 530 auf rund 670 gesteigert haben, wurden oft auch bis zum zweiten Halbjahr der fünften Klasse weitergeführt. Die Beratungen inklusive der Zeitspanne ab der fünften Klasse beliefen sich auf rund 740 im ersten und steigerten sich sukzessiv auf 840 Beratungen im dritten Projektjahr. Die meisten Gespräche kamen auf Initiative der Eltern zustande. Deren Hauptanliegen war Beratung zu „Lernförderungs-Möglichkeiten“. Thematisiert wurden auch belastende Lebenslagen in der Familie. Den größten Beratungsbedarf gab es bei Überforderung mit Behördenangelegenheiten.

Lehrkräfte stoßen laut Annika Ahrens mit außerschulischen Angebotsempfehlungen innerhalb ihrer Elternarbeit an ihre zeitlichen Kapazitätsgrenzen. Häufig kämen sie von außerhalb und wüssten daher teils nur eingeschränkt von der Palette der Angebotsmöglichkeiten im Stadtteil. Das hat eine externe qualitative Befragung über HOME-PLUS bestätigt. Damit die richtigen Angebote auch außerhalb der Sprechzeiten der HOME-PLUS-Fachkräfte bei den Kindern ankommen, sollen die Lehrkräfte dieser fünf Grundschulen zukünftig mit einem einheitlichen Nachschlagewerk ausgestattet werden, in dem anwenderfreundlich zu finden ist, welche außerschulischen grundschulrelevanten Angebote der jeweilige Stadtteil bietet. Das Land NRW und die Wübben Stiftung haben diesen Sozialraumordner mit 20.000 Euro gefördert.

Die Gruppenangebote von HOME-PLUS haben sich von 524 teilnehmenden Eltern im ersten auf knapp 1000 im letzten Projektjahr erhöht. Im Angebot waren unter anderem Elterncoaching zum Umgang mit neuen Medien, Verkehrserziehung oder eine Führung in die Stadtteilbibliothek. Lobend hebt Annika Ahrens in diesem Kontext ein Fahrradprojekt hervor. An einem Wochenende konnten Familien ihre Fahrräder zum Abenteuerspielplatz bringen, um es reparieren und aufmöbeln zu lassen, als Vorbereitung auf die bald stattfindende Fahrradprüfung in der vierten Grundschulklasse ihrer Kinder. „Man interessiert Eltern für Angebote, kostenfrei im Stadtteil. Zu einem Thema, das die Grundschülerinnen und Grundschüler dann wiederum im Unterricht erfahren“, sagt Ahrens. Dadurch nähmen Eltern stärker am Schulleben ihrer Kinder teil und könnten sie besser als „Bildungsbegleiter“ unterstützen.

Verbessert haben sich auch die Teilnahmequoten an Elternsprechtagen von 53% nach dem ersten auf über 80% nach dem zweiten und dritten Projektjahr. Dass sich der frühzeitige und stete Kontakt auszahle, werde beispielsweise an diesem deutlichen Anstieg der Teilnahmen an Elternsprechtagen deutlich, heißt es von der Wübben Stiftung. "Aufgrund dieser positiven Tendenzen und weil sich die Stadt Mönchengladbach mit eigenen Mitteln an einer Fortsetzung des Projekts beteiligt und damit Interesse an einer Verstetigung wirksamer Maßnahmen auch nach Ende der Projektlaufzeit signalisiert, hat sich die Stiftung für eine zweite Förderphase entschieden", so die Wübben Stiftung. Die verbleibende Zeit solle genutzt werden, um eine Transferstrategie zu erarbeiten und wirksame Projektbausteine auf nachhaltig tragfähige Beine zu stellen.

Annika Ahrens blickt optimistisch auf die zweite Projektphase: „Das Kind soll möglichst viele außerschulische Lernerfahrungen machen, dabei seine Interessen und Neigungen kennen lernen und ohne Bruch in die richtige weiterführende Schule wechseln.“