14.02.2018, Neuss

„Hilfen aus einer Hand“

Kinder aus armen Verhältnissen bleiben dies oft ein Leben lang, weil ihnen der Zugang zu Bildung und Teilhabe erschwert wird. In Neuss Weckhoven soll sich das jetzt ändern. 25 Fachkräfte aus der Kinder- und Jugendhilfe, Schule, Kitas und vielen anderen Einrichtungen haben bei einer Veranstaltung erste Teilziele zur besseren Zusammenarbeit festgelegt, um allen Familien zukünftig Unterstützung in der Nähe zu bieten. Langfristig soll ein stadtweites Präventionsnetzwerk entstehen.

Rund 25 Vertreter aus Schule, Jugendamt und freien Trägern waren zur Auftaktveranstaltung in die Partytur in Weckhoven gekommen. Bild. ISA/Martin Scherag.

Sabine Köhler von der Landeskoordinierungsstelle "Kommunale Präventionsketten" erklärte den vorbeugendes Ansatz des Landesvorhabens. Bild: ISA/Martin Scherag.

Heinz Hilgers, Präsident des Kinderschutzbundes appelierte an ein wertschätzendes Menschenbild. Bild: ISA/Martin Scherag.

„Im Landesprogramm `Kommunale Präventionsketten` arbeiten 40 Kommunen aus NRW daran, die oft noch getrennt von einander agierenden Systeme – wie Schule, Gesundheit und Jugendhilfe – miteinander zu verzahnen." , sagte Sabine Köhler den Neusser Netz

Heinz Hilgers wünscht der Stadt Neuss. "Dass sie eine Präventionskette finden, die dazu beiträgt, dass nicht aus den heutigen Kindern wieder arme Eltern werden, sondern Menschen, die ein selbst bestimmtes Leben führen können.“ Bild: ISA/Martin Sche

Für Andrea Samaras von den Frühen Hilfen im Jugendamt der Stadt Neuss sind die Willkommensbesuche für Familien mit Neugeborenen eine Ressource, die bald eingeführt werden. Bild: ISA/Martin Scherag.

Zukünftig soll es Steckbriefe aller Netzwerkakteure geben, damit alle Beteiligten voneinander wissen und effizienter für die Familien zusammenarbeiten können. Bild. ISA/Martin Scherag.

Christina Kloster (rechts) will die Akteure, die mit den Familien arbeiten, mit an Bord holen: „Ein Erfolg wäre, heute alle motiviert zu bekommen, daran mit zu arbeiten.“ Bild: ISA/Martin Scherag.

Freizeitangebote für alle Kinder und Jugendlichen des Quartiers sind ein Ziel der Netzwerkpartner. Bild. ISA/Martin Scherag.

Christina Kloster arbeitet als Koordinatorin für den aufbau einer Präventionskette in Neuss und hat die Veranstaltung organisiert. Bild: ISA/Martin Scherag.

"Jeden Morgen wandern warme Füße auf kalten Fliesen", mit seinem Gedicht über ein Aufwachsen in Armut berührte Dichter Florian Stein die Teilnehmenden. Bild: ISA/Martin Scherag.

Die Teilnehmenden diskutierten in Kleingruppen darüber, wie sie den Familien aus dem Quartier Hilfen aus einer Hand bieten können. Bild. ISA/Martin Scherag.

"Meistens sind die Zeiten nicht die leichtesten, meinen die Großen mit Sorgen auf der Stirn. (...)

Aber Philipp findet, eigentlich ist es ganz einfach.

Du brauchst dein Toastbrot, Ei, Milch, Zucker, Zimt und etwas Salz.

Es ist nicht viel, aber es schmeckt und das reicht.

Jeden Morgen wandern warme Füße auf kalten Fliesen,

ein Glas Wasser in der Küche, die Kühlschranktür bleibt zu.

Da gibt es nichts zu holen für hungrige Köpfe."

 

Zeilen aus dem Gedicht "Arme Ritter" von Florian Stein - ein junger Dichter, der an diesem Samstagmorgen die Auftaktveranstaltung zur Planung von Präventionsketten in Neuss Weckhoven eröffnet. Hinter dem sperrigen Titel verbirgt sich die Absicht, Kindern bessere Zukunftsperspektiven zu bieten. Bessere als die des kleinen Philipps aus dem Gedicht und vielen anderen Kindern, die hier leben.

Wer in Armut geboren wird, das zeigen Statistiken, der wird oft auch arm bleiben, weil er von der Teilhabe an Bildung und Arbeit ausgegrenzt wird. Für Weckhoven ist das ein wichtiges Thema: Denn rund fünf Prozent der knapp 9.000 Einwohner seien von Arbeitslosigkeit und Verschuldung betroffen. Jeder fünfte Einwohner sei ein Kind, berichtet zu Beginn der Veranstaltung Ralf Hörsken, Beigeordneter für Integration, Jugend und Soziales in der Stadt Neuss und heißt die Fachkräfte aus dem Stadtteil im großen Saal der "Partytur" am Lindenplatz willkommen.

25 Fachkräfte aus dem Jugendamt, aus Kitas, aus der Grundschule und freien Trägern sind der Einladung zu einem Planungsworkshop gefolgt, auch der Kinder- und Jugendärztliche Dienst ist vertreten, Sozialarbeiter, ein Pastoralreferent, ein Pfadfindervertreterr und sogar ein Schützenpräsident nahmen teil.

"Im Landesprogramm "Kommunale Präventionsketten" arbeiten 40 Kommunen aus NRW daran, die oft noch getrennt von einander agierenden Systeme - wie Schule, Gesundheit und Jugendhilfe - miteinander zu verzahnen, um Familien mit Hilfen aus einer Hand zu unterstützen", erklärt Sabine Köhler von der Landeskoordinierungsstelle "Kommunale Präventionsketten", die heute gekommen ist, um den Akteuren aus dem Quartier den vorbeugenden Ansatz näher zu bringen

Christina Kloster vom Neusser Jugendamt hat die Veranstaltung organisiert. Sie ist Koordinatorin für den Aufbau der Präventionskette in Neuss. Heute will Kloster die Akteure, die direkt mit den Kindern, Jugendlichen und ihren Eltern arbeiten, über das Vorhaben informieren, mit an Bord holen und Ziele konkretisieren: "Ein Erfolg wäre, heute alle motiviert zu bekommen, daran mit zu arbeiten."

Mit der Steuerungsgruppe hat sie bereits auf Ebene der Amtsleiter strategische Ziele festgelegt. Das erste Ziel ist: Kurze Wege zu Unterstützungssystemen zu schaffen, damit die Familien die passenden Hilfen in Anspruch nehmen können. Die Kompetenzen bündeln und gemeinsam besser mit den Familien zusammen arbeiten. Dafür müssten die Angebote auf die Bedarfe der Familien abgestimmt werden. Weiteres Ziel ist, die Bildungschancen für alle Kinder zu verbessern, indem alle Familien zukünftig Unterstützungssysteme in der Nähe finden. Weiteres Ziel ist, dass die Infrastruktur an die Bedarfe der Bewohner angepasst ist.

Wie das gelingen kann, darauf erhofft sich Kloster Antworten von den Gästen, die die Sorgen und Nöte der Familien aus ihrer täglichen Arbeit kennen. "Sie haben das Wissen!". Mit diesen Worten schließt Kloster ihren Vortrag und eröffnet die erste Diskussionsrunde der Gäste.

Im Fokus stehen Ressourcen, die Weckhoven bietet, aber auch Stolpersteine, die den Zielen im Wege stehen könnten. Dass Weckhoven über viele schöne Naturräume verfüge, die Beziehungsarbeit, die die Fachkräfte anstrengten, um möglichst viele Eltern für Unterstützungsangebote zu gewinnen, seien Ressourcen - so die Feststellung der Teilnehmenden. Doch es fällt auf, dass im Netzwerk Lücken klaffen. Als weitere Ressource nennt Andrea Samaras von den Frühen Hilfen im Jugendamt der Stadt Neuss Willkommensbesuche für Familien mit Neugeborenen, die demnächst eingeführt werden sollen. "So können wir Kontakt zu Familien herstellen, Unterstützungsbedarfe erkennen oder auch Familien an weitere Stellen verweisen." Um Bedarfe bei den Eltern und Kindern abzufragen, wird überlegt, wie man die Familien selbst mit in den Prozess einbeziehen kann.

Im anschließenden Vortrag nennt Heinz Hilgers, Präsident des Kinderschutzbundes, Voraussetzungen für den Austausch auf Augenhöhe. Keiner hier könne den Ursachen für Kinderarmut etwas entgegen setzen, so Hilgers, aber die Resilienz - also die Widerstandsfähigkeit - von Kindern und Jugendlichen stärken. Sinnvolle Vernetzung im Stadtteil heiße, dass sich diejenigen austauschten, die dieselbe Familie unterstützen. "Die Funktionäre haben sich immer schon getroffen, es geht darum, dass sich die Fachkräfte vernetzen, die ganz konkret in einem Stadtteil, in einer Situation mit den Familien arbeiten. Dass man sich klar wird, dass man nicht gegeneinander arbeitet, sondern miteinander und im Sinne der Familien", so Hilgers. Er wünscht sich für die betroffenen Familien eine Ansprechperson, hinter der viele andere stehen, die helfen und unterstützen.

Der Präsident des Kinderschutzbundes appellierte außerdem an ein wertschätzendes Menschenbild. Wer auf die Mittel "Bestrafung" und "Belohnung" setze, der bewirke nur eine Abwehrreaktion beim Gegenüber. Viele alleinerziehende Mütter in Deutschland lebten trotz Arbeit unter dem Existenzminimum und müssten mit Hartz IV ihr Einkommen aufstocken: "Es ist unverschämt, diesen Menschen vorzuwerfen, dass sie das Geld nicht ihren Kindern geben würden." Heinz Hilgers wünschte allen Fachkräften auch bei bösen Reaktionen der Betroffenen, immer wieder die Kraft zu einer neuen wertschätzenden Ansprache zu finden. Nur so könne man Menschen dazu bewegen, Hilfe anzunehmen.

Hinter Gewalt und anderen Kinderschutzfällen stehe in den meisten Fällen Überforderung, auch korreliere Kinderarmut mit Heimunterbringung. Hilgers mahnte, dass nicht der Charakter eines Menschen, sondern gesellschaftliche Systeme Kriminalität und Gewalt hervorbrächten. Und unterstrich seine These mit einer Anekdote über einen Vierjährigen aus seinem Bekanntenkreis, der mit seinem Großvater ein Theaterstück über den Räuber Hotzenplotz besuchen wollte. Hilgers habe den Jungen gefragt, "Was glaubst Du, warum Hotzenplotz entschieden hat, Räuber zu werden?": Die Antwort des Jungen: "Der hat sich gedacht: `Wenn die mir keine Arbeit geben, dann werde ich eben Räuber`".

Mit diesem Input begaben sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wieder in die Diskussion und legten erste konkrete Ziele fest: Um sich untereinander besser kennen zu lernen, soll es zukünftig Steckbriefe aller Netzwerkakteure geben. Die Ferienzeit sei für viele Kinder und Jugendliche eine düstere Phase, in der sie oft allein seien, hieß es an einem Tisch. Deshalb wolle man überprüfen ob die vorhandenen Ferienangebote ausreichten. Übersichtliche Informationsblätter sollen bald allen Familien zeigen, wo sie welche Unterstützung erhalten. Auch bestehe Bedarf nach einem Kinderarzt in Weckhoven. Um Ehrenamtliche für das Netzwerk zu gewinnen, schlug ein Teilnehmer von der Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg vor, brauche es eine bessere Öffentlichkeitsarbeit, um etwa Studenten mit Verweis auf die Vorteile einer solchen Tätigkeit für den eigenen Lebenslauf anzuwerben.

Ein wichtiger Schritt ist nun getan. Nach der Umsetzungsphase wird geprüft, ob die ersten Teilziele erreicht wurden. Die Stadtteile Weckhoven und Gnadental machen in Neuss den Anfang. Die Ergebnisse und Erkenntnisse sollen dann in die Fläche gegossen werden, um für ganz Neuss eine wirksame Präventionskette aufzubauen. Heinz Hilgers wünscht den Neusser Akteuren: "Dass sie eine Präventionskette finden, die dazu beiträgt, dass nicht aus den heutigen Kindern wieder arme Eltern werden, sondern Menschen, die ein selbstbestimmtes Leben führen können."