06.08.2019, Köln

Jede Sprache ist ein Schatz: Bulgarisch-Deutsche Puppentheaterlesung

Lupo und Tumba, ein Hund und ein Waschbär, sprechen Bulgarisch und Deutsch: Wie die Kinder, die die Handpuppen bei einer Lesung in der Kölner Stadtbibliothek zum Sprechen bringen. Dort konnten sie dem Publikum zeigen, was sonst wenig Beachtung bekommt: dass sie zwei Sprachen fließend sprechen. Eingebettet ist die Aktion in ein städtisches Sprach- und Leseförderungsangebot, das viele Bausteine der Präventionskette abbildet.

Die Kinder der bulgarischen Schule Az Buki Vedi spielen und lesen abwechselnd eine Handpuppenszene mit dem Waschbar Tumba und dem Hund Lupi. Erst auf Deutsch, dann auf Bulgarisch. Bild: ISA/Martin Scherag

Die Erfinderin von Lupo und Tumba, Autorin Petya Kokudeva (l.) und Romina Beneveti, die Illustratorin, sind extra aus Bulgarien zur Puppentheaterlesung nach Köln gereist Bild: ISA/Martin Scherag

Autorin Petya Kokudeva erklärt den Kindern, wie sie auf die Idee zu den lustigen Figuren Lupo und Tumba kam. „Ich bin ein Fan vom Querdenken. Einer Art zu denken, die keiner genauen Logik folgt. Das machen Kinder für gewöhnlich. Die Charaktere Lupo und Tumba spielen eine Art Gedankenspiel, Mind-Game. Neue Perspektiven entwickeln, das ist die Botschaft des Buches“, erzählt sie. Bild: ISA/Martin Scherag

Romina Belveti zeigt den Kindern, wie sie den Waschbären Tumba aus der Geschichte zeichnet. Sie erklärt: Kleine Ohren gehören dazu, in Dreickecksform, und rote Kreise als Wangen und natürlich ein ganz dicker Bauch.. Bild: ISA/Lena Gilhaus.

Die Kinder legen los. Bild: ISA/Martin Scherag

Heraus kommen viele wunderschöne Tumbas: „Der hat zu viel Eis gegessen“, sagt der kleine Pablo, der Tumba einen besonders dicken Bauch gemalt hat, und fließend Bulgarisch, Spanisch und Deutsch spricht. Bild: ISA/Lena Gilhaus.

So wie Mila und Stefan, die den Handpuppen ihre Stimmen geliehen haben. „Wir haben einen Text bekommen, und den haben wir abwechselnd gelesen und zuhause geübt, dass wir das flüssig lesen können“, erzählt Mila. Bild: ISA/Lena Gilhaus

Der mehrsprachige Auftritt war für Mila kein Problem: "Ich kann ja jetzt drei Sprachen und werde bald auch noch Englisch lernen, und das ist ganz aufregend. Es war für mich leicht, aber auch spannend, weil es das erste Mal war.“ Bild: ISA/Martin Scherag

Heute konnten die Kinder zeigen, was für einen Schatz sie besitzen: sie beherrschen mehrere Sprachen. Das wird laut den Veranstaltern sonst wenig gewürdigt. Im Buch fragt Lupo den Waschbären: „Tumba, Ich würde sehr gerne wissen, wie man die schönen Momente ausdehnen kann? Die sind doch viel zu kurz!“ Darauf antwortet Lupo: „Ich glaube, Lächeln könnte Dir helfen, dein Mund ist auch kurz, aber wenn Du lächelst, dehnt der sich!“ Bild: ISA/Martin Scherag


Das übliche Getümmel am Neumarkt: Busse, Bahnen, Rad-, E-Rollerfahrer und Passanten drängen kreuz und quer durcheinander an diesem heißen Sommertag.  In der Kölner Stadtbibliothek auf der Ecke, im Untergeschoss in der Kinderabteilung, ist es hingegen schön kühl und gerade ganz still. Ein Junge führt die Lippen an seine Klarinette und spielt eine kleine Melodie. Zeitgleich erheben sich Lupo und Tumba über einen kleinen Vorhang und begrüßen zwanzig staunende Kinder und ihre Eltern zu einer Puppentheaterlesung.

„Steh auf Tumba, genug geschlafen!“, sagt der langnasige Puppenhund zum dicken Waschbären: „Ich schlafe nicht! Lupi, ich horche am Kopfkissen!“ entgegnet der freche Tumba. Das wiederholen die beiden Puppentiere noch einmal auf Bulgarisch. Dann fragt Hund Lupo wieder auf Deutsch: „Tumba, auf dem Boden des Glases war vorhin noch ein wenig Marmelade, wie kommt es, dass sie jetzt weg ist?“ Der dickbäuchige Waschbär hat eine gute Erklärung: „Nun ja, ich habe sie gerettet! Wenn jemand am Boden ist, lässt man ihn ja nicht liegen, man hilft ihm hoch!“ Es folgt die bulgarische Übersetzung und wieder ein kleines Klarinettenspiel.

In den Puppen stecken Kinderhände, abwechselnd die von Monika, elf Jahre alt und Schülerin der fünften Klasse, und ihren jüngeren Schulkameraden und -kameradinnen Nikola, Stefan und Mila aus der dritten Klasse der bulgarischen Konsulatsschule „Az Buki Vedi“. Sie wurde 2009 auf Initiative von Eltern und mit Unterstützung der diplomatischen Vertretungen Bulgariens in Bonn und Frankfurt am Main geründet.  Der Unterricht in bulgarischer Sprache, Literatur und Landeskunde – den das bulgarische Ministerium für Bildung und Wissenschaft der Republik Bulgarien kontrolliert –  findet jeden Samstagvormittag in Lerngruppen vom Kindergartenalter bis zur siebten Klasse statt. Nikola, Stefan, Mila und Monika habe jeden Samstag nach Unterrichtsschluss in den Räumen der Konsulatsschule im Caritas-Zentrum in Köln Kalk geübt. „Wir haben einen Text bekommen, und den haben wir abwechselnd gelesen und zuhause geübt, dass wir das flüssig lesen können“, erzählt Mila. Ihre Mutter kommt aus Bulgarien, sie selbst ist in Italien geboren. Der mehrsprachige Auftritt war für Mila kein Problem: "Ich kann ja jetzt drei Sprachen und werde bald auch noch Englisch lernen, und das ist ganz aufregend. Es war für mich leicht, aber auch spannend, weil es das erste Mal war.“ Die vier zeigen heute stolz, was sie können und spielen abwechselnd mit den Handpuppen oder lesen Tumbas und Lupos Sätze auf perfektem Deutsch und perfektem Bulgarisch in ein Mikrofon: versteckt hinterm Vorhang, unsichtbar für die Kinder im Publikum. Für sie sieht es jetzt so aus, als würde Lupo zu Tumba sagen: „Aua, mein Nacken ist steif und ich kann nur nach links schauen“, und Tumba entgegnet, dass das doch eine gute Sache sei: „Großartig Lupo, so wirst Du gar nicht merken, wie viele Kekse auf der rechten Seite der Welt gegessen werden.“

Die Erfinderin von Lupo und Tumba, Autorin Petya Kokudeva, schaut amüsiert zu, wie die Kinder ihre Texte auf die Bühne bringen. Sie selbst versteht nur den bulgarischen Teil, ist heute extra für die Puppentheaterlesung aus Sofia angereist: „Ich bin ein Fan vom Querdenken. Einer Art zu denken, die keiner genauen Logik folgt. Das machen Kinder für gewöhnlich. Die Charaktere Lupo und Tumba spielen eine Art Gedankenspiel, Mind-Game. Neue Perspektiven entwickeln, das ist die Botschaft des Buches“, erzählt sie auf Englisch. Die Verlegerin Petya Lund steht neben ihr. Sie hat das Buch zusammen mit ihrem Sohn aus dem Bulgarischen ins Deutsche übersetzt und herausgebracht. „Weil es uns viel Spaß gemacht hat, es auch als Familie zu lesen, und dann haben wir beschlossen, es zu übersetzen.“ Das Puppentheater-Konzept stammt auch von ihr, die Musik hat sie mit Freunden entwickelt. „Und das hat unfassbar Spaß gemacht, es war eine Spaß-Geschichte“, lacht Petya Lund.

Schulleiterin Rossitza Bairaktarski wollte mit der heutigen Veranstaltung eine kleine Bühne  für ihre Schülerinnen und Schüler schaffen, „dass unsere Kinder auch dafür geehrt werden, dass sie diese Sprachen sprechen und am Samstag lernen und das zeigen können.“ Seit drei Jahren schon kooperiert die Schule mit der Stadtbibliothek Köln. Die Idee der Schulleiterin war damals, zum Bundesvorlesetag eine zweisprachige Aktion außerhalb der Schule ins Leben zu rufen. Melisa Bel Adasme von der Stadtbibliothek hat diese Idee unterstützt. Sie ist Projektmanagerin für interkulturelle Bibliotheksarbeit und Diversity und angestellt im Programm 360° der Kulturstiftung des Bundes, in dem bundesweit Kultureinrichtungen gefördert werden, um sich diversitätsorientiert zu öffnen. Im Rahmen dieses Programmes konnten unter anderem die Flugtickets der Autorin finanziert werden. „Gerade die bulgarische Sprache ist keine der gängigen Sprachen, die in Schulen unterrichtet werden. Deshalb möchten wir die Stadtbibliothek als Raum dafür bieten, gerade die Mehrsprachigkeit zu fördern und den Kindern auch vermitteln, dass es schön und gut ist, dass sie zwei Sprachen sprechen und ein Publikum dafür bieten.“ 

Eingebettet ist die Aktion heute in ein städtisches Sprach- und Leseförderungsangebot, das viele Bausteine der Präventionskette abbildet. Für Elke Böttger, Koordinatorin für Präventionsketten der Stadt Köln, ist Sprache der wichtigste Zugang zu den Menschen, zu Gleichaltrigen, zur Kultur eines Landes, zu Bildungseinrichtungen, dem Gesundheitssystem und vielem mehr. „Sprache bringt in Kontakt, schafft Freundschaften und Zugehörigkeitsgefühl. Die Chancen auf Teilhabe an der Gesellschaft erhöhen sich um ein Vielfaches durch Sprach- und Lesekompetenzen.“ Kinder, findet Elke Böttger, bräuchten deshalb neben der Schule, viele weitere Orte an denen sie spielerisch Sprachen lernen können. Die Stadtbibliothek böte dafür hervorragende Voraussetzungen, weil viele Angebote kostenfrei sind und somit für alle Interessierten zugänglich. „Was schließlich im Sinne der „Kommunalen Präventionsketten“ ist, die allen Kindern dieselben Teilhabechancen ermöglichen sollen.“ Die Stadtbibliothek sei für die Kölner Präventionslandschaft ein unentbehrlicher Kooperationspartner.
Eine ihrer Kooperationspartner von der Stadtbibliothek ist Waltraud Reeder. Sie ist Koordinatorin für Interkulturelle Bibliotheksarbeit in der Stadtbibliothek Köln und findet:  „Leseförderung ist Sprachförderung und deswegen sollte die Leseförderung schon im ersten Lebensjahr des Kindes anfangen“. Damit meint sie dialogisches Vorlesen und Bilderbücher angucken mit dem Kind. Jedes Kind ab drei Jahren bekommt auf Wunsch in der Stadtbibliothek ein sogenanntes Papalapap-Malbuch, in das die Kinder Bilder malen können, zu Büchern, die die Eltern vorlesen. Die Stadtbibliothek bietet auch Bibliotheksführungen für Kindergärten- und Vorschulkinder und steckt jedem Kind einen Bibliotheksausweis in die Schultüte. Und sie veranstaltet mehrsprachige Aktionen so wie heute, die auch evaluiert werden sollen. „Die Sprach- oder Leseförderung funktioniert eben auch mehrsprachig. Je besser man eine Sprache beherrscht, desto besser kann man andere Sprachen darauf aufbauen“, findet Waltraud Reeder. Sprache sei Kultur und die Kinder sollten auch die Kultur ihrer Eltern kennenlernen, sagt Reeder. Und die würden sie viel besser verstehen, wenn sie auch die Sprache der Eltern beherrschten.

Da setzt auch das Konzept der Samstagsschule „Az Buki Vedi“ an: Viele Kinder, die mit drei Jahren in ihren Schulkindergarten kämen, verstünden kein Wort Bulgarisch. „Natürlich haben sie viel Passives mitbekommen. Aber sprechen tun sie nicht“, sagt Schulleiterin Rossitza Bairaktarski. Die meisten ihrer Schulkinder haben bulgarische Wurzeln, aber jedes Kind, das Bulgarisch sprechen möchte, sei willkommen: „wir nehmen keine Rücksicht auf Nationalität oder ethnische Zugehörigkeit. Theoretisch können sich auch deutsche Kinder, die gar nichts mit Bulgarien am Hut haben, anmelden. Die Kinder leben in beiden Sprachen und in beiden Kulturen und hier können sie dann eben auch beide Sprachen und beide Kulturen ausleben“, sagt Bairaktarski. Seit 2018 ist der Besuch und die Teilnahme am Unterricht in der bulgarischen Schule auch vom Schulamt in Köln anerkannt. Nach der neunten bzw. zehnten Klasse können die Schülerinnen und Schüler eine Sprachprüfung in Bulgarisch ablegen und diese Note wird dann auch in ihrem Zeugnis als Leistung aufgenommen, „was natürlich eine große Motivation für die Kinder ist. Besonders für die älteren Schüler und Schülerinnen, die in die höheren Klassen kommen.“, sagt die Schulleiterin.

Die Anerkennung sei sehr wichtig, denn viele Kinder würden sich für ihre bulgarischen Wurzeln schämen, weil ihre Sprache und Kultur keine große Anerkennung in der Gesellschaft fänden. Laut Waltraud Reeder von der Stadtbibliothek werden Sprachen in verschiedene Klassen einsortiert: „diese ganz tollen Sprachen: Englisch, Französisch und Spanisch und dann gibt es so Sprachen wie Türkisch oder Bulgarisch, die gar nicht so hoch angesehen sind, aber das ist ja eigentlich Quatsch.“ Alle Sprachen seien gleich viel wert und die Sprachen der Kinder ein Schatz, den man nicht vernachlässigen sollte.
Am Ende der Aufführung: Großer Applaus für die mehrsprachigen Puppenspieler und Vorleser. Morgen dürfen ihre Klassenkameraden auf die Bühne und in Tumbas und Lupos Rollen schlüpfen.  Aber der Nachmittag mit den querdenkenden Handpuppen ist noch nicht vorbei. Vor dem Theaterspiel hat Autorin Petya Kokudeva den Kindern einen kleinen Vortrag darüber gehalten, wie sie die lustigen Figuren erfunden hat. Jetzt steht Romina Beneveti, die Illustratorin, an einem weißen Flipchart, darauf sind 20 gespannte Augenpaare geheftet. Mit bunten Stiften zeichnet sie Tumba, den Waschbären aus der Geschichte vor. Sie erklärt: Kleine Ohren gehören dazu, in Dreickecksform, und rote Kreise als Wangen und natürlich ein ganz dicker Bauch. Die Kinder legen los.

 „Der hat zu viel Eis gegessen“, sagt der kleine Pablo, der gerade einen großen Tumba-Bauch malt und fließend Bulgarisch, Spanisch und Deutsch spricht. Der Nachmittag hat ihm gefallen: „Ich fand es sehr schön, war lustig das Theater“. Sein Vater steht neben ihm und ist auch zufrieden: „Ich komme selber aus Spanien, meine Frau aus Bulgarien, in Köln haben wir den perfekten Ort für uns gefunden: Solche mehrsprachigen Veranstaltungen sind gut für die kulturelle Entwicklung der Kinder.“ Eine andere Mutter freut sich, hier die Autorin und Illustratorin kennen gelernt zu haben. „Ich interessiere mich dafür, bin selbst Bulgarin, und weiß, dass es öfter solche Veranstaltungen gibt – für mich und mein Kind ist das natürlich toll.“ Die blonde Monika aus der fünften Klasse stand gerade noch auf der Bühne, jetzt sitzt sie mit den anderen Kindern am Tisch und malt: „Ich war der, den ich gerade male: Tumba.“ Sie ist in Bulgarien geboren, spricht tagsüber in der Schule Deutsch, zuhause und am Samstag in der Konsulatsschule Bulgarisch: „Deshalb kann ich beide Sprachen. Mir macht es Spaß, jeden Samstag zur bulgarischen Schule zu gehen und aufzutreten. Hinter der Bühne vorzulesen und danach mit der Figur zu spielen, war witzig und interessant.“

Die Aktion heute soll ein Geschenk der Schule an die Kinder sein, die in diesem Jahr zehnjähriges Jubiläum feiert. „Dank der Kooperation mit der Stadtbibliothek Köln und dem Projekt 360 Grad hat alles seinen Weg genommen“, freut sich die Schulleiterin. Die Autorin Petya Kokudeva sitzt mit am Tisch neben den malenden Kindern, die alle zwei oder noch mehr Sprachen sprechen. Sie findet: „Es ist besser in vielen Welten zu leben und Zugang zu vielen Sprachen zu haben, als nur zu einer. Es ist immer eine Bereicherung deiner Wahrnehmung und Erfahrung, wenn du viele Sprachen beherrschst!“

Am Ende der Malstunde strahlen zwanzig wunderschöne breitgrinsende Tumbas von den Blättern. Und die Kinder tun`s auch. Im Buch fragt Lupo den Waschbären: „Tumba, Ich würde sehr gerne wissen, wie man die schönen Momente ausdehnen kann? Die sind doch viel zu kurz!“ Darauf antwortet Lupo: „Ich glaube, Lächeln könnte Dir helfen, dein Mund ist auch kurz, aber wenn Du lächelst, dehnt der sich!“