14.01.2019, Kreis Düren

„Jedes Kind ist ein Diamant“

„Gut aufwachsen im Kreis Düren - Wir tun was“ – das Motto der Kreisweiten Präventions- und Bildungskonferenz, die Ende November in Düren stattgefunden hat. Darin arbeiteten rund 150 Akteure aus Schule, Kitas, Jugendhilfe, Politik, Gesundheit oder Einrichtungen freier Träger daran, die Chancengerechtigkeit von Heranwachsenden im Kreis Düren zu verbessern. Nachdem der Fokus bislang mehr auf der frühkindlichen Entwicklung lag, einigten sich die Teilnehmenden jetzt darauf, die Bedürfnisse von Jugendlichen stärker in den Blick zu nehmen.

Moderatorin Elena Lazaridou eröffnet die Kreisweite Präventions- und Bildungskonferenz in Düren und verspricht: „Einen spannenden Tag. Voll gefüllt mit Informationen in Vorträgen, Befragungen, Foren und Austauschmöglichkeiten im Couchgespräch. “ Bild: Stadt Düren/Susanne Herfs

„Es ist gelungen, in zehn regionalen Konferenzen Prävention auf die Agenda zu setzen. Aus allen haben sich Arbeitskreise entwickelt“, bestätigt anschließend Landrat Wolfgang Spelthahn in seiner Rede. Bild: ISA/Lena Gilhaus

Prof. Dr. Jörg Fischer von der Fachhochschule Erfurt, Annett Schultz, Faktor Familie GmbH, Christa Kuhle von der Bezirksregierung Köln und Wolfgang Spelthahn, Landrat des Kreises Düren, (hinten von links); Sybille Haußmann, Amtsleitung Amt für Schule, Bildung und Integration und Elke Ricken-Melchert Leiterin des Amtes für Demografie, Kinder, Jugend, Familie und Senioren des Kreises Düren (vorne von links). Bild: ISA/Lena Gilhaus.

In den Praxisforen Praxisfore „Perspektiven in der Zusammenarbeit mit Familien", "Ohne Jugendliche läuft nichts", "Erfolg durch multiprofessionelles Netzwerken“ und "Schule und Jugendhilfe: Kooperation für gelingende Übergänge" erarbeiten die Teilnehmenden Lösungsansätze für Herausforderungen vor Ort. Bild: ISA/Lena Gilhaus.

Die Teilnehmenden suchten gemeinsam nach Lösungen, um Eltern besser zu erreichen. Eine Idee: ein kostenloses, gesundes Frühstück. Bild: ISA/Lena Gilhaus.

Die Teilnehmer des Forums „Erfolg durch multiprofessionelles Netzwerken“ fanden, dass es im Kreis Düren bereits viele gute präventive Angebote gebe. Um die vielen Professionen zusammen zu bringen und gemeinsame Lösungen zu entwickeln, brauche es Verständnis für die Arbeitslogik des jeweils anderen.

Wichtige zu klärende Grundfragen seien: Wo wollen wir hin, warum sollen alle an einen Tisch und wozu wollen wir dieses Netzwerk nutzen? „Wir müssen das Ziel klar definieren“, so Prof. Dr. Jörg Fischer von der Fachhochschule Erfurt. Bild; ISA/Lena Gilhaus.

Die Bismarckstraße 16 in Düren. Rund um die große Baustelle vor dem Kreishaus tobt der Verkehr, drinnen füllt sich das Foyer mit Menschen. Stimmengewirr, Kaffeetassen klappern. Zur kreisweiten Präventions- und Bildungskonferenz hatten Wolfgang Spelthahn als Landrat des Kreises Düren und Christa Kuhle als Schulabteilungsdirektorin der Bezirksregierung Köln geladen. Um alle wichtigen Akteure aus der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und ihren Familien im Kreis Düren zusammenzubringen und für eine gemeinsame Präventionsarbeit zu sensibilisieren.

Elke Ricken-Melchert, die Leiterin des Amtes für Demografie, Kinder, Jugend, Familie und Senioren des Kreises Düren erklärt, dass der Kreis Düren seit 2012 ausgehend von der Landesinitiative "Kein Kind zurücklassen" verstärkt einen vorbeugenden Ansatz zur Verbesserung der Chancengleichheit aller jungen Menschen verfolgt. Unter dem Motto "Gut aufwachsen im Kreis Düren" seien in den letzten Jahren in enger Zusammenarbeit mit den freien Trägern und den kreisangehörigen Kommunen viele Vereinbarungen für Kooperationen getroffen, Vernetzungen angestoßen und Projektideen entwickelt worden. Nach der Durchführung lokaler Präventions- und Bildungskonferenzen in den Kommunen vor Ort diene die heutige Veranstaltung dazu, die Ergebnisse auf Kreisebene zu bündeln und eine kreisweite Handlungsstrategie zu entwickeln.

An einen Stehtisch gelehnt, trinkt Peter Kirschbaum seine Tasse aus. Er arbeitet für NRWeltoffen, ein Präventionsprojekt gegen Rechtsextremismus und Rassismus an Schulen. Kirschbaum ist heute hier, um sein Netzwerk zu erweitern. „Ich möchte hier gern Leute aus den Schulen kennen lernen, mit denen wir kooperieren können“. Menschen, wie Almut Grodde-Holderberg. Sie ist Rektorin und vertritt den Grundschulverbund Niederzier-Hambach. Auch sie hofft auf mehr „Ansprechpotential“ durch die Konferenz: „Am Telefon spricht man die Damen und Herren auch, aber es ist gut, sie auch mal zu sehen, um schneller eingreifen zu können, wenn Not am Mann ist“, sagt die Rektorin.

Die Sozialpädagogin Judith Plum leistet im Sozialpädiatrischen Zentrum des St. Marienhospitals Düren Unterstützung für die jüngeren Kinder in der Präventionskette: „Wir bieten Frühe Hilfen an, eine Familienhebamme, eine Geburtslotsin und ein interdisziplinäres Team arbeitet daran, ganz früh Entwicklungsverzögerungen vorzubeugen“, erzählt sie an der Tür zum Konferenzsaal. Plum hat bereits an einer kommunalen Präventions- und Bildungskonferenz teilgenommen. Von der kreisweiten Konferenz heute verspricht sie sich „Netzwerkpartner vor Ort zu treffen und zu erfahren, was wo gerade läuft und was die Strategie des Kreises Düren beim Thema Kinder, Jugendliche und ihre Familien ist.“

Und die Konferenz startet jetzt. Moderatorin Elena Lazaridou wünscht den rund 150 Teilnehmenden einen wunderschönen guten Morgen und verspricht: „Einen spannenden Tag. Voll gefüllt mit Informationen in Vorträgen, Befragungen, Foren und Austauschmöglichkeiten im Couchgespräch. “

Christa Kuhle von der Bezirksregierung Köln findet in ihrer Eröffnungsrede lobende Worte für die zehn Jahre erfolgreicher Vernetzungsarbeit im regionalen Bildungsbüro veranstalteten zehn Konferenzen in den kreisangehörigen Kommunen im Kreis Düren. Darin hätten sich Akteure aus Schule, Verwaltung, Vereinen, Kitas und auch kreisweit tätige Fachkräfte aus Beratungsstellen, Gesundheitsamt und Jugendhilfe bereits erfolgreich vernetzt. „Oft setzen solche Konferenzen Impulse. Aber im Kreis Düren ist das anders. Da wurden konkrete Vereinbarungen getroffen“, so Kuhle. Damit sind der Arbeitskreis „Kindheit und Jugend“ in Nörvenich, die Zusammenarbeit von Kitas und Grundschulen in Kreuzau und von Grund- und weiterführenden Schulen in Linnich gemeint.

„Es ist gelungen, in zehn regionalen Konferenzen Prävention auf die Agenda zu setzen. Aus allen haben sich Arbeitskreise entwickelt“, bestätigt anschließend Landrat Wolfgang Spelthahn in seiner Rede. Diese Aufbruchstimmung solle man in die nächste Zukunft tragen. Dafür verspricht der Landrat weitere Konferenzen im Rhythmus von zwei Jahren durchzuführen, um Handlungsfelder zu entwickeln.

Der Kreis Düren hat bereits sehr früh mit einer handlungsfeldübergreifenden Vorbeugungspolitik begonnen – als einer der Pioniere im Modellvorhaben zum Aufbau kommunaler Präventionsketten, das nun zu einem flächendeckenden Ansatz in ganz NRW ausgeweitet werden soll. Andreas Bothe, Staatssekretär im Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen, wird in einer Videobotschaft zu den Teilnehmern und Teilnehmerinnen geschaltet und bekräftigt, dass beste Zukunftschancen für alle Kinder – unabhängig von der sozialen Herkunft – selbstverständlich auch das Ziel dieser Landesregierung seien.

Dafür müsse bekannt sein, was die Kinder und Jugendlichen im Kreis Düren überhaupt bräuchten und was die Kommunen dafür tun könnten, sagt anschließend Ulrich Lennartz, Vertreter der freien Träger im Präventionsbüro des Kreises Düren.

Um diese Frage zu beantworten, und herauszufinden, wie die Menschen die Lebensqualität im Kreis Düren einschätzen und welche Bedarfe Kinder, Jugendliche und ihre Familien überhaupt haben, hat die Faktor Familie GmbH aus Bochum eine Familien- und Jugendbefragung durchgeführt. Die Soziologin Annett Schultz präsentiert jetzt im Eröffnungsvortrag die Forschungsmethode und wesentliche Ergebnisse der Befragung – eine Mischform aus qualitativen Interviews mit Müttern im Integrationstreff und einer quantitativen Erhebung, mittels 3.000 versendeten Fragebögen. Mit einem Rücklauf von rund 45 % seien die Ergebnisse der Familienfragebogenerhebung repräsentativ, so Schultz. Die Antwortrate der Jugendlichen sei jedoch niedriger ausgefallen. Die Auswertung bescheinigt dem Kreis Düren eine hohe Lebensqualität. Ausbaufähig sind laut den Befragten die kulturellen Angebote, Freizeit- und Sportmöglichkeiten, die Anbindung an den Arbeitsplatz und an medizinische Versorgung. Einige der befragten Jugendlichen wünschten sich mehr Mitspracherecht, zusätzliche öffentliche WLAN-Hotspots, Shoppingmöglichkeiten und Treffpunkte, Freizeitangebote und eine bessere Anbindung an Verkehrsmittel. Vielen Müttern seien Angebote, wie die Geburtsvorbereitungskurse, Spielkreise oder Eltern-Kind-Turnen bekannt. Weniger populär seien hingegen Sprechstunden der Frühen Hilfen, die Schnuller- oder Elterncafés und Säuglingspflege-Angebote. Als Gründe für die Nichtnutzung von Angeboten wurde angegeben, dass Kurse häufig ausgebucht seien oder ungünstige Öffnungszeiten hätten. Gewünscht wurden mehr Angebote für behinderte Kinder und Vater-Kind Aktionen, sowie Angebote für arme Menschen, deren Einkommen aber oberhalb der Arbeitslosengeldgrenze liegt. Den Babybegrüßungsdienst stellten 40% der Befragten als Unterstützungsmaßnahme für Familien infrage.

Prof. Dr. Jörg Fischer von der Fachhochschule Erfurt greift das Thema „Babybegrüßungsdienst“ jetzt zu Beginn seines Vortrags "Netzwerken vor Ort – eine Zukunftsaufgabe" auf. Die Maßnahme sei sinnvoll, doch viele Personen fühlten sich bei einem Willkommensbesuch, der auch der Kontrolle des Kindeswohls dient, stigmatisiert. Es käme auf die Haltung der Fachkräfte an, betont Fischer: „Es ist ein Unterschied, wenn das Jugendamt schreibt: `Wir freuen uns auf Sie` oder, `wenn Sie nicht kommen, dann!`“ Eine wertschätzende Haltung, statt Mittelschichtsblick, empfiehlt Fischer allen Akteuren, die mit Kindern, Jugendlichen und ihren Familien arbeiten, um die Würde der Menschen zu wahren Anstatt auf ihre Schwächen zu fokussieren, sollten sie die Ressourcen der Menschen nutzen. „Zu oft ertappt man sich dabei, dass man glaubt, zu wissen, was andere Menschen brauchen“, so Fischer weiter. Als Fallbeispiel führt der Wissenschaftler dann einen Umsonst-Yogakurs in einer Kommune an, der für sozial schwache Frauen ins Leben gerufen wurde. Am Ende hätten nur Mittelschichtsfamilien den Kurs genutzt. Die wahren Bedürfnisse der ärmeren Familien hätten hingegen nichts mit Yoga zu tun. Sie wünschten sich stundenspezifische Betreuungsangebote für ihre Kinder ohne langfristige Verträge.

Studien hätten ergeben, dass 67 % der Kinder Armut nicht spüren, wenn sie weniger als zwei Jahre anhalte. Um schnell und effizient Unterstützung anzubieten – ohne lange Wege und bürokratische Hürden für die Familien – müssten alle an einem Strang ziehen und ein fachbereichsübergreifendes Netzwerk bilden. Hauptfeind der Dynamik eines Netzwerkes seien hierarchische und funktionale Barrieren. Um aus den vereinzelten operativen Inseln auszubrechen, müssten alle kommunalen Akteure über Zuständigkeiten und Hierarchieebenen hinweg, den Blick aufs Kind lenken. Netzwerkarbeit sei „keine Fortsetzung des Verwaltungshandelns nur mit anderen Mitteln, sondern eine Denkwerkstatt zu einem konkreten Problem, das innerhalb eines bestimmten Zeitrahmens gelöst werden muss“, erklärt Fischer und das gehe nur mit Wertschätzung gegenüber den unterschiedlichen Arbeitsweisen der Netzwerkpartner. Fischer schließt seinen Vortrag mit einem Verweis auf die Krimiserie Derrick. „Es braucht Menschen, die Visionen haben und solche mit Bodenhaftung, die schon mal den Wagen vorfahren.“

Fischers Worte kamen gut an. Teilnehmerin Dr. Maria Schöller vom Trägerverein Kindertagesbetreuung Merzenich erzählt in der Mittagspause, dass ihr der Vortrag ganz neue Denkansätze geliefert habe: „Statt Tunnelblick fragen wir besser nach den Ressourcen eines jeden Kindes. Und auch der Eltern, um die zu nutzen!“, so Schöller. Dagmar Becker von der Evangelischen Gemeinde zu Düren erlebe in ihrer beruflichen Praxis, „dass Eltern hin- und herrennen müssen, bis sie Unterstützung erhalten. Das frisst sehr viel Energie.“ Sie hat sich vorgenommen, zukünftig weniger durch die Verwaltungslinse auf Familien zu schauen, stattdessen Hilfen aus einer Hand anzubieten: „Diesen Begriff finde ich total wichtig“, sagt Becker.

Anschließend teilen sich die die Teilnehmenden in vier parallele Praxisforen auf. Im ersten Forum „Perspektiven in der Zusammenarbeit mit Familien“ unter der Leitung von Doris Peitz vom Amt für Demografie, Kinder, Jugend, Familie und Senioren des Kreises Düren steht eine Gruppe Jugendlicher im Fokus, die bei der Gemeindesozialarbeiterin aufgefallen sei. „Die Eltern haben ihren Erziehungsauftrag abgegeben. Sie sagen, sie erreichen die Jugendlichen auch nicht mehr“, so Peitz. Obwohl sich die Kinder eine weitere Elternbegleitung wünschten. Die Teilnehmenden suchten gemeinsam nach Lösungen, um Eltern besser zu erreichen. Eine Idee ist ein kostenloses, gesundes Frühstück. Auch plädieren einige dafür, den Standort der Sprechstunden des Jugendamtes in den Kommunen zu verändern: „Die sind immer verankert in die Stadt- und Gemeindeverwaltung, und von den Schulen wurde angemerkt, dass es für die Eltern eine große Hemmschwelle bedeutet“, so Peitz. Auch, dass sie nur vormittags angeboten würden. Wünschenswert seien auch Abendtermine. Darüber hinaus besteht der Bedarf nach einer Online-Übersicht über alle Präventionsangebote der Kommune. Die Gruppe findet die Lösung in einer gemeinsamen Nutzung der „Frühen Hilfen-Datenbank“. Darin werden gerade alle Angebote für die Null- bis Dreijährigen eingepflegt:  „Wir haben vereinbart, dass die Kommunen auf die Frühen Hilfen zugehen, um deren Angebote über die Präventionsketten, die wir ohnehin in jeder Kommune darstellen, zu verlinken“. Doris Peitz sagt zum Schluss: „Der allergrößte Teil der Eltern macht es richtig gut im Kreis Düren und gibt den Kindern, was sie brauchen, aber wir sind hier angetreten, um jedes Kind gut aufwachsen zu lassen.“

Das zweite Forum „Ohne Jugendliche läuft nichts“ behandelt die Frage, wie die Jugendarbeit im Kreis Düren aufgestellt ist. Die Mitarbeiter machten im Forum deutlich, dass die gebotene Infrastruktur optimierungswürdig sei. „Ich bin beeindruckt, wie leidensfähig Sie sind“, sagt Forumsleiter Ulrich Lennartz vom Sozialdienst Katholischer Frauen e.V. Düren den Teilnehmenden, nachdem diese geschildert hatten, dass sie oft in Behelfsräumen untergebracht würden. „Es sind freiwillige Leistungen“, so Lennartz, „deshalb ist die Jugendarbeit politisch nicht auf den ersten drei Tagesordnungspunkten zu finden. Man sei noch auf dem Weg „ein Optimum für den Flächenkreis herzustellen“. Christa Kuhle von der Bezirksregierung Köln lobt die engagierten Jugendmitarbeiter. „Wenn der Jugendbeauftragte sagt, der Raum ist schlecht, dann ist die Aufgabe der Verwaltung und der Politik, dass die Räume besser werden!“ Wenn dies viel Zeit in Anspruch nehme, müsse transparent gemacht werden, warum Entscheidungswege so lang dauern, so Kuhle weiter.

Die Teilnehmer des Forums „Erfolg durch multiprofessionelles Netzwerken“ fanden, dass es im Kreis Düren bereits viele gut funktionierende Netzwerke und präventive Angebote gebe. „Diskutiert wurde aber, wie wir über diese Angebote informieren können und wie wir miteinander umgehen wollen“, sagt Professor Fischer, einer der Forumsteilnehmer. Um die vielen Professionen zusammen zu bringen und gemeinsame Lösungen zu entwickeln, brauche es Verständnis für die Arbeitslogik des jeweils anderen. „Dafür braucht es einen regen Austausch“, sagte Fischer. Deutlich herausgekommen sei, dass viele Fachkräfte Gesprächsbedarf und Interesse hätten, in ihren Bereichen weitere Kontakte zu knüpfen. Fischer mahnte jedoch, den Bau des Hauses nicht im zweiten Obergeschoss zu beginnen, sondern stattdessen erst das Fundament zu legen. Wichtige zu klärende Grundfragen seien: Wo wollen wir hin, warum sollen alle an einen Tisch und wozu wollen wir dieses Netzwerk nutzen? "Für mich war das wichtigste Ergebnis des Workshops, dass wir uns immer wieder bei den Menschen vergewissern müssen, was sie genau brauchen. Nur so können wir die richtigen Angebote entwickeln." so Margret Sieben, Moderatorin des Arbeitskreises und pädagogische Mitarbeiterin des Regionalen Bildungsbüros.

Im Forum „Schule und Jugendhilfe: Kooperation für gelingende Übergänge“, ist man sich schnell einig, den Forumstitel in „Schule, Jugendhilfe und Eltern“ umzutaufen. Denn die gehörten immer dazu. Beziehungen zu Eltern und anderen Helfern müssten gut sein, um was zu ändern, so Marita Schmitz vom Amt für Demografie, Kinder, Jugend, Familie und Senioren des Kreises Düren. „Ganz toll war, wie viele gute Praxisbeispiele es schon gibt“, findet Sevim Gercek vom Amt für Schule, Bildung, Integration des Kreises Düren. „Und wenn wir da weiter machen, kommen wir ans Ziel.“ Gemeint sind damit die bereits installierten regelmäßigen Kooperations- und Vernetzungstreffen, um die Institutionsübergänge für die Kinder zu erleichtern. Vier Mal im Jahr treffen sich Lehr- und Kita-Fachkräfte, Vetreterinnen und Vertreter von Verwaltung, Jugendamt und Beratungsstellen in einem Arbeitskreis, um die Leitbilder und Arbeitsweisen der Akteure besser kennen zu lernen: : „Die Perspektiven werden geschärft, man hört zu und man versteht und dann kann man auch Familien gut verstehen“, so Gercek. Auch gibt es inzwischen einen Sprechtag, in dem sich Lehrkräfte aus Grund- und weiterführenden Schulen austauschen. Die Maßnahme würde sehr gut angenommen: „Das ist eine wichtige Institution geworden, die vom Regionalen Bildungsbüro ins Leben gerufen geworden ist“, sagt Karin Stobbe, ebenfalls vom Amt für Schule, Bildung und Integration des Kreises Düren.
 

Im anschließenden Couchgespräch kommen die Ergebnisse des Tages nochmal in die Diskussion und der Blick wird in die Zukunft gerichtet. Professor Fischer empfiehlt allen Beteiligten „Fehlerfreundlichkeit“, diese als Unglück oder Missgeschick zu werten, nicht aber als eine böse Tat. Nur dann seien Akteure bereit, darüber zu reden. „Vielleicht waren die Angebote, die sie vor zehn Jahren geschaffen haben, genau die richtigen, aber für die Kinder von 2018 sind sie es nicht mehr.“ Die Akteure könnten nun entscheiden, ob sie sich auf eine Angebotslandschaft konzentrierten, also zu reagieren. Besser findet Fischer aber, aktiv zu werden und eine „Bedarfslandschaft“ zu schaffen.  „Sie halten einen Schatz in Ihren Händen, den viele Kommunen so nicht haben, und das sind die Ergebnisse der Jugendbefragung.“ Schlussfolgerungen für neue Angebote sollten nicht am Amtstisch oder in einem professionellen Netzwerk besprochen werden. Der Wissenschaftler plädierte dafür, die Ergebnisse der Studie an die befragten Menschen zurück zu spiegeln und zu fragen: „Findet ihr euch wieder, nehmt ihr das so wahr?“, und die Antworten um Einschätzungen der Fachkräfte zu ergänzen. So käme der Kreis Düren von einem Präventions- zu einem Partizipationsnetzwerk.

Beim Blick auf Familien sollten die Fachkräfte empirische Ergebnisse zugrunde legen, anstatt Bilder von blauen Flecken und verhungerten Kindern. „Ich vermute mal nicht, dass das der Normalfall für Düren ist.“ Noch nie sei es Kindern und Jugendlichen so gut in Deutschland gegangen, sei die Zufriedenheit mit dem Erziehungsstil ihrer Eltern so hoch gewesen, zitiert Fischer dann aus einer Shell-Studie. „Das sind historische Höchstwerte. Das müssen wir zur Kenntnis nehmen und die Tasse nicht als halbleer betrachten“. Er gehe davon aus, dass es Kindern und Eltern im Kreis Düren überwiegend gut gehe und dass ein kindgerechtes Aufwachsen gut möglich sei. „Was aber nicht heißt, dass wir uns den Problemen nicht stellen in Düren. Aber wir müssen die vorhandenen Stärken besser wahrnehmen und Stärken stärken“. Christa Kuhle von der Bezirksregierung appelliert zum Schluss an die Fachkräfte, eben diese Stärken bei den Menschen zu suchen und zu fördern und jedes Kind, wie einen „ungeschliffenen Diamanten“ zu betrachten.

Bei Stehkaffee und Plätzchen ziehen die Konferenzteilnehmer Bilanz: „Ich habe die Gesichter gesehen und weiß jetzt, wen ich in bestimmten Förderkonferenzen anspreche“, sagt Almut Grodde-Holderberg, die sich mehr „Ansprechpotential“ gewünscht hat. Eine andere Teilnehmerin berichtet von einer erfolgreichen Präventions- und Bildungskonferenz mit allen Kita- und Schulleitungen in Aldenhoven, wo gemeinsam über den Einstieg von der Kita in die Grundschule informiert worden sei. Jetzt betreibe die Kommune bereits ein gut laufendes Schnullercafé und einige weitere Projekte stünden in den Startlöchern. Die Konferenz heute habe ihr neue Impulse gegeben: „Wir haben einiges zu tun, und wissen, dass wir einiges geschafft haben und sind mit Eifer dabei.“ Robert Fabig vom Amt für Demografie, Kinder, Jugend, Familie und Senioren des Kreises Düren bemerkt, dass der Fokus von Politik und Öffentlichkeit bislang eher auf der frühkindlichen Erziehung gelegen habe. Aus der Konferenz nimmt er mit, jetzt die Jugendlichen aktiv und stärker in den Blick zu nehmen „Wir müssen dafür Sorge tragen, dass sich im Kreis Düren auch junge Menschen bis zum Erwachsenwerden wohl fühlen und ihnen entsprechenden Angebote machen.“