19.12.2018, Kreis Herford

„Kinder einer Welt“ verbessern Sprachkompetenzen

Lernen mit Spiel, Spaß und Gemeinschaftsgefühl. Das stand auf dem Programm der vier Sprachcamps im Kreis Herford, die Einschulkinder und Erstklässler in den Herbstferien 2018 besuchen durften. Ein Projekt, das Sprachkompetenz und Selbstbewusstsein stärken und einen fließenden Übergang in die zukünftige Grundschule unterstützen soll. Dadurch, dass die Kindergartenkinder ihre neue Schule schon vor dem Schulstart spielerisch kennen lernen.

1. Thema der Sprachcampwoche war das "Vierfarbenland". Musa (l.) backt grüne Plätzchen, Meleks sind gelb, Sascha (r.) färbt seine Kekse blau und Victors Teig (hinten l.) wird rot. Bild: ISA/Martin Scherag.

2. In der gemütlichen Schulküche wird gefärbt und geknetet. Musa freut sich über seine grünen Hände. Bild: ISA/Martin Scherag.

3. In der Sprachcampwoche haben die Kinder ihre eigenen T-Shirts bunt bedruckt. Bild: ISA/Martin Scherag.

3. Letzte Schminkvorbereitungen vor dem großen Theaterauftritt. Bild: ISA/Martin Scherag.

5. Diese Kinder sind aus dem roten Teil des "Vierfarbenlandes". Bild: ISA/Martin Scherag.

6. Pias Mutter ist heute mit der ganzen Familie gekommen, um den Auftritt ihrer Tochter zu sehen. Bild: ISA/Martin Scherag.

7. Die Kinder bereiten sich auf ihren Großen Auftritt vor. Bild: ISA/Martin Scherag.

8. In der Turnhalle werden die Eltern auf den Markt der Möglichkeiten eingeladen. Hier gibts`s Flyer vom Gesundheitsamt, dem Bildungsbüro, dem Kommunalen Integrationszentrum, dem Medienzentrum sowie den Stromsparagenten. Bild: ISA/Martin Scherag.

9. Dieser Vater ist froh, dass sein Sohn hierherkommt. „Er versteht sich mit allen hier und ist immer glücklich, wenn er nachhause kommt". Bild. ISA/Martin Scherag.

10. Die Aufführung startet, jedes Kind präsentiert sein Kostüm und aus welchem Teil des "Vierfarbenlandes" es kommt. Bild: ISA/Martin Scherag.

11. Unter den Darstellern sind Piraten, Drachen, Taxis, Äpfel und sogar ein Brokkoli. Bild: ISA/Martin Scherag.

12. Für den sicherern Auftritt erhält dieser Kater noch letzte Textinfos von Hannah Wagner. Bild: ISA/Martin Scherag.

13. Pias Mutter und die anderen stolzen Eltern knipsen ihre Kinder während der Aufführung des "Vierfarbenlandes". Bild: ISA/Martin Scherag.

12. Bunter Haufen: Hinter den Sprachcamps steht eine Kooperation zwischen dem Bildungsbüro im Amt für Schule, Kultur und Sport, dem Jugendamt, vier Grundschulen, den Kitas und dem Verein Helden e.V.. Die Grundschul-Konrektorin Maike Schneckener, Celin Tataroglu vom Bildungsbüro und Jürgen Förster, Jugendamtsleiter der Stadt Löhne (hinten von links) freuen sich mit den Kindern über das gelungene Projekt. Bild: ISA/Martin Scherag.

Freitags um halb zehn in der Grundschule „Löhne Bahnhof“: Melek, Sascha, Viktor und Musa stehen in der gemütlichen Schulküche und rollen Teig aus. „Wir backen Kekse“, ruft Melek „natürlich aus Zucker, Mehl, Butter und Eiern“. Lehramtsstudentin Hannah Wagner erklärt den vier Kindern, die heute gelb, rot und grün angezogen sind, was als Nächstes zu tun ist: „Schau mal auf dein T-Shirt, aus welchem „Farbenland“ kommst du? Färb den Teig passend zu deinem Land ein!“ Melek schaut runter auf ihr T-Shirt und nimmt eine Tube mit gelber Lebensmittelfarbe in die Hand. Der kleine Sascha im hellblauen Sweatshirt quetscht eine blaue Tube über dem Teig aus und knetet los. Musa freut sich über seine knallgrünen Hände, rollt den farbigen Teig aus und sticht dann vorsichtig Herzen, Sterne und Monde aus.

Neben dem Backen der Kekse zum Nachtisch steht ein Theaterstück im Mittelpunkt der zwei Wochen, dass zwei Theaterpädagogen erarbeitet haben. „Dafür haben wir uns ein Vierfarbenland ausgedacht“, erklärt Hannah Wagner vom Helden-Verein für nachhaltige Bildung und Persönlichkeitsentwicklung, der die insgesamt vier Sprachcamps im Kreis Herford durchführt. Ergänzend zu der Nachtischgruppe  gab es im Sprachcamp eine Kostüm- und eine Bühnenbildgruppe, die die Kinder in den zwei Wochen in festen Gruppen rotierend durchlaufen haben. Außerdem standen Ausflüge in das Freilichtmuseum in Detmold sowie in den Tierpark in Olderdissen auf dem Programm. „Bei all diesen Aktivitäten haben die Kinder ganz unbewusst ihren Wortschatz erweitert , indem sie neue Begrifflichkeiten gelernt und angewandt haben“, so Wagner.

Die Bühnenbildgruppe tobt gerade in der Turnhalle herum und ist schon ziemlich nervös vor dem Theaterauftritt nachher. Die Rollen stehen  fest: „Ich bin ein Brokkoli“, sagt ein kleiner Junge. „Ich bin ein Taxi“, freut sich Jaco. Ein blauer Pirat, ein roter Apfel und ein rotes Herz sind auch dabei. Ganz besonders aufgeregt ist die kleine blonde Pia, die nachher als gelbe Katze auftreten wird. Heute kommt ihre ganze Familie, die Eltern, der Großvater und sogar Tante und Cousine, erzählt sie.

Das Bühnenbild und ihre Kostüme haben die Kinder selbst gebastelt. Auf der Bühne sind die vier „Farbenländer“ zu sehen, von denen das Theaterstück handelt. Die Kinder spielen Vertreter eines roten, blauen, grünen oder gelben Landes.“  erklärt Olivia Wagner, eine weitere Mitarbeiterin von Helden e. V. „Sie sollen auf der Bühne auch die anderen Farbenländer besuchen. Der abstrakte Gedanke dahinter ist, dass sich die Farben mischen.“

Genauso bunt gemischt ist auch die Kindertruppe im Sprachcamp. Unterschiedliche Sprachniveaus seien eine Bereicherung und Herausforderung zugleich, sagt Wagner, „Bereicherung -  weil die Kinder versucht haben die unbekannten Worte nachzusprechen.  Herausforderung - da man sich nicht immer sofort versteht.  Das erforderte Geduld! Durch den hohen Personalschlüssel von 1:5 konnten wir das jedoch gut auffangen.“

Die Sprachcamps in den Städten Bünde, Herford, Löhne und Vlotho sind ein Pilotprojekt der kreisweiten Kommunalen Präventionsketten, dessen Ziel es ist, insbesondere Kindern bis zehn Jahren ein chancengerechtes Aufwachsen zu ermöglichen. Die Camps konnten durch einmalige Fördergelder des Ministeriums für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen sowie durch Mittel der Carina-Stiftung und des Kreises Herfords realisiert werden.

Celin Tataroglu vom Bildungsbüro, die den Aufbau der Präventionsketten für den Kreis Herford koordiniert, steht beim Projektabschluss nach 14 Tage in der Turnhalle und schaut den Kindern zufrieden beim Spielen zu. „Die Freude ist den Kindern offensichtlich anzusehen und man merkt die sprachlichen Fortschritte. Es hat sich außerdem ein richtiges Gemeinschaftsgefühl in der Gruppe entwickelt“.

Dass die Kinder in ihrer Sprachkompetenz gefördert wurden, ist ihnen scheinbar gar nicht aufgefallen. Sie erzählen auf die Frage nach den schönsten Erlebnissen nur von neuen Freunden, tollen Spielen und Ausflügen: Für den kleinen Kevin war es das Kennenlernen seines neuen Freundes Ahmed.  „Das Schönste war das Singen“, sagt Ania und „die Pferde im Tierpark und ein Skelett“, findet Sascha.

Auch Hannah Wagner zieht eine positive Bilanz: „Die Kinder haben große Fortschritte an Worten und Begriffen, die wir erklärt oder untereinander besprochen haben gemacht. Und sei es nur, dass wir im Kreis saßen und die Regeln für die Bühne zusammen erarbeitet haben, also sowas hat ja auch viel mit Verständnis zu tun.“ Positiv findet sie auch die gewachsene Gruppendynamik und das Miteinander von den Kindern, die sich vorher gar nicht kannten.

Zu der Aufführung finden sich nun die Eltern, Freunde und Verwandten der Kinder zusammen. Auch Pias Vater ist gekommen: „Mein Kind ist sehr begeistert von dem ganzen Drumherum, dem Tierpark, diesen ganzen Unternehmungen.“ „Ich bin der Opa und gehe zu jedem Auftritt meiner Enkel“ mischt sich Pias Großvater ein. Für ihn ist klar: „Das gehört dazu“. Pias Mutter sitzt schon in der ersten Reihe in der Turnhalle, wo die Kinder gleich auftreten werden. „Pia hat es gut gefallen, sie ist richtig begeistert“, sagt die Mutter, die über Pias KiTa von dem Angebot erfahren hat. „Vom Programm ist es auch schön, sie sind im Freilichtmuseum gewesen, im Tierpark, sie gehen einkaufen und machen Nachtisch selber. Ist alles toll.“

Fabians Mutter ist in Begleitung seiner Pflegemutter gekommen, bei der der Junge derzeit lebt. Sie glaubt, dass Fabian eine gute Zeit im Sprachcamp hatte, nicht zuletzt, weil sein bester Freund Emil auch hier gewesen sei: „Ich wollte ihn mal eher abholen, das wollte er aber nicht. Dass sein bester Freund hier war, hat natürlich auch dazu beigetragen, dass er hier sehr gerne war.“ Schon nach dem ersten Tag habe sich Fabian ganz anders ausgedrückt: „Dankeschön, bitteschön, warte, jetzt musst du vorsichtig fahren, ich helfe Dir“, zitiert die Pflegemutter den Jungen: „Fabian ist plötzlich viel höflicher gewesen.“

In der Turnhalle werden die Eltern auf den Markt der Möglichkeiten eingeladen. Flyer vom Gesundheitsamt, dem Bildungsbüro, dem Kommunalen Integrationszentrum, dem Medienzentrum sowie den Stromsparagenten sind auf mehreren Ständen bereitgelegt. Die Eltern können sich unter anderem über altersspezifische Ernährungs- und Bewegungstipps oder Datenschutzhinweise im Internet informieren. Der Markt der Möglichkeiten am Vorführungstag soll ein Türöffner sein, zu Unterstützungs-und Beratungsangeboten im Sozialraum.

Der Vater des bauen Piraten Alva liest sich gerade einen der Flyer durch, und ist glücklich, dass sein Sohn hier die Ferien verbringen konnte: „Er versteht sich mit allen hier und ist immer glücklich, wenn er nachhause kommt, sagt immer `Papa, das ist gut`.“ Auch der Vater der kleinen Melek ist froh, dass seine Tochter heute hier sein kann. „Das wichtigste ist, dass sie wieder wohlauf ist.“ Hinter ihr liege eine lange Krankengeschichte, ausgelöst durch eine schwere Erkrankung im Säuglingsalter, erzählt er: „Melek war die ersten dreieinhalb Monate ihres Lebens keine 24 Stunden am Stück zuhause. 2014 wurde ihr die Gallenblase entfernt, 2016 wurde die Leber transplantiert“. Melek ist in Deutschland geboren, konnte wegen der vielen Krankenhausaufenthalte aber kaum die Kita besuchen.  Deshalb hätten die Erzieherinnen zum Sprachcamp geraten. „Wenn es ihr nicht gefallen hätte, wäre sie nicht freudestrahlend morgens aufgewacht und hier hingegangen“, glaubt er. Und was sagt Melek dazu? Sie lacht und erinnert sich an ihr schönstes Erlebnis im Camp: „Fantakuchen backen!“

Hinter den Sprachcamps steht eine Kooperation zwischen dem Bildungsbüro im Amt für Schule, Kultur und Sport, dem Jugendamt, den vier Grundschulen der Standorte, den Kitas und dem Verein Helden e.V. „Das hat super geklappt“, sagt Celin Tataroglu.Die Vertreter und Vertreterinnen dieser Bereiche haben sich zur Abschlussveranstaltung gemeinsam in der Turnhalle eingefunden. So auch die Konrektorin Maike Schneckener von der Grundschule Löhne-Bahnhof. „Ich hoffe, dass das Sprachcamp den Kindern Mut macht, zu sprechen. Und, dass Kinder mit einem gestärkten Selbstbewusstsein in die Schule kommen, dass sie anderen deutschsprachigen Kindern gegenüber weniger zurückstehen, sich mehr trauen, schneller in die Klassen integriert sind und mehr Chancen haben, mit den anderen Kindern gemeinsam zu lernen. Und das hier Erlebte zu nutzen und umzusetzen“, so die Konrektorin.

Jürgen Förster, Jugendamtsleiter der Stadt Löhne, ist ebenfalls froh darüber, dass die Sprachcamps im Rahmen der „Kommunalen Präventionsketten“ entstanden sind und neben den bisher laufenden Sprachcamps für die Dritt- und Viertklässler jetzt auch ein Angebot für die Schulanfänger geschaffen wurde: „Die Kinder haben Lust und viel Motivation herzukommen und empfinden das nicht als Last oder Schwierigkeit“, glaubt Förster. Es sei ganz wichtig für ihre Selbstsicherheit, wenn man keine Sprachkenntnisse hat, die Erfahrung zu machen, dass andere Kinder einen unterstützen. „Und dann macht das Sprechen Spaß und es entwickelt sich die Lust in der Schule intensiver mitzumachen“<s>, hofft der Jugendamtsleiter. </s>

Das Theaterstück startet jetzt in die Vollen. Grüne Brokkolis, rote Autos, blaue Polizisten oder gelbe Sterne stehen auf der Bühne und stellen sich nacheinander vor: „Ich bin rot und ein Affe“, ruft ein Mädchen. „Ich bin ein grüner Kaktus“ ein anderer Junge. Die Kinder stellen sich nach Farben sortiert auf. Die einen singen „Blau, blau, blau sind alle meine Kleider.“ Bei den anderen sind die Kleider im Lied grün, gelb oder rot. Aber so bleibt es nicht lange, die Kinder hüpfen hin und her in die anderen „Farbenländer“ auf dem Bühnenbild. Es wird bunt gemischt und dann stimmen die Kinder, deren Wurzeln in Länder auf der ganzen Welt reichen, im Chor ein neues Lied an: „Bunt, bunt, bunt sind alle meine Kleider, weil mein Freund ein Regenbogen ist.“ Die Kinder verbeugen sich, die stolzen Eltern knipsen Fotos, alle applaudieren, auch Celin Tataroglu vom Bildungsbüro. Sie hofft, dass die Sprachcamps keine einmalige Sache bleiben: „Die Sprachcamps wurden von allen Beteiligten als voller Erfolg wahrgenommen. Wir versuchen deshalb ein bis zwei Camps zu verstetigen und in einem rollenden System in den verschiedenen Kommunen anzubieten.“

Dann könnten auch weiterhin viele Kinder im Kreis Herford in den Herbstferien in ihrer Sprachkompetenz gefördert werden  – so spielerisch und alltagsintegriert, dass ihnen das Lernen gar nicht auffällt.