08.04.2019

"Vielfältige Brücken bauen" - Kinder stärken durch diversitätsbewusste Pädagogik

"Den Blick öffnen und Brücken bauen" sowie "Vielfalt und Mehrsprachigkeit schätzen" - das waren die Leitgedanken bei diesem Fachtag, organisiert von der verwaltungsinternen Koordinierungsgruppe des Projektes "Sprachbrücken" der Stadt Dortmund. Die Koordinierungsgruppe begleitet den Umsetzungsprozess und die Entwicklung von gesamtstädtischen Strategien zur Qualitätsentwicklung des Themenbereichs Sprachbildung im Übergang Kindertageseinrichtung - Grundschule. Der Fachbereich Schule, hier vertreten durch das Regionale Bildungsbüro, agiert als Projektkoordination und arbeitet mit dem Jugendamt sowie dem Kommunalen Integrationszentrum der Stadt Dortmund zusammen. Fachlich-inhaltlich beraten wird die Koordinierungsgruppe durch Vertreter*innen von FABIDO - Familienergänzende Bildungseinrichtungen für Kinder in Dortmund (Perspektive KiTa), der Libellen-Grundschule (Perspektive Grundschule) und des Fachbereichs Schule, Schulunterstützende Bildungsangebote (Perspektive Ganztag).

v.l.n.r.: Annica Lang, Dorothee Kuckhoff, Thomas Wawrzynek-Lukaschewitz, Prof. Dr. Katja Gramelt, Roswitha Ritter, Sabine Köhler, Andrea Molkenthin

Die Stadt Dortmund hat sich auf den Weg gemacht, ihren jüngsten Bewohner*innen eine ganzheitliche Förderung ihrer (sprachlichen) Kompetenzen zu ermöglichen. Der Grundstein hierfür  wurde bereits 2012 gelegt: Ausgehend von dem Schwerpunkt „Sprachbildung“ wurde eine Kooperationsvereinbarung zur regionalen Gestaltung des Übergangs Kindertageseinrichtung – Grundschule unterzeichnet. Erarbeitet wurde die  gemeinsame Vereinbarung von der Stadt Dortmund, vertreten durch das Jugendamt, den Fachbereich Schule und das Schulamt sowie die Arbeitsgemeinschaft der Dortmunder Wohlfahrtsverbände.

Zur Umsetzung der Qualitätsoffensive/ Kooperationsvereinbarung wurde im Rahmen des Landesvorhabens "Kein Kind zurücklassen! – Kommunen in NRW beugen vor" ein Orientierungsrahmen erarbeitet. So entstand in einem partizipativ angelegten  Prozess  - aus der Praxis für die Praxis -  ein Leitfaden für „durchgängige Sprachbildung in Kindertageseinrichtungen und Grundschulen“. Die große Praxisnähe und -tauglichkeit  des Leitfadens ergibt sich aus der Beteiligung aller relevanten Akteure:  Kindertageseinrichtungen und Grundschulen, Träger der Kindertageseinrichtungen,  MIA-DO-Kommunales Integrationszentrum Dortmund,  Jugendamt und  Regionales Bildungsbüro im Fachbereich Schule.

Der Orientierungsrahmen  basiert auf konkreten Beispielen gelingender Kooperation aus der Praxis von Kindertageseinrichtungen und Grundschulen in Dortmund. So dient er  als gemeinsame Richtschnur und Handlungshilfe  zur Weiterentwicklung der durchgängigen Sprachbildung für Fachkräfte an allen Dortmunder Schulen und Kindertageseinrichtungen  - und darüber hinaus auch als Arbeitshilfe für den gesamtstädtischen Qualitätsentwicklungsprozess.

In der Verwaltung der Stadt Dortmund wurden die Ressourcen diverser Arbeitsbereiche hierfür schon vor Jahren zu einem Arbeitskreis „Kooperation Kindertageseinrichtung – Grundschule (KoKiGS)“ gebündelt. Das Modellprojekt „Sprachbrücken“ startete 2016 und erstreckt sich über fünf Modellnetzwerke mit 33 beteiligten Einrichtungen. Kooperation wird hier – innerhalb der Verwaltung und unter den Fachkräften - natürlich groß geschrieben, um alle Kindern mit einem gemeinsamen Verständnis von guter Sprachbildung zu unterstützen und somit auch den wichtigen Übergang von Kindertageseinrichtung zu Grundschule möglichst nahtlos zu gestalten. Auch die Eltern werden bewusst frühzeitig eingebunden, um eine tragende Erziehungs- und Bildungspartnerschaft aufzubauen, die den Kindern wiederum zugute kommt. Nicht zuletzt profitieren Kinder, Eltern, Fachkräfte und Verwaltung von den entstehenden Netzwerkstrukturen, die den nachhaltigen Erfolg und die Erreichung des gemeinsamen Ziels – auch über das Modellprojekt hinaus sichern - denn: Gute Sprachkenntnisse sind für eine erfolgreiche Bildungsbiographie und chancengerechte Teilhabe unerlässlich.

Das gemeinsame Ziel und der Auftrag der Bildungsinstitutionen Kindertageseinrichtung und Schule ist also klar: die Potenziale aller Kinder zu fördern, für eine Anschlussfähigkeit von Bildungsprozessen zu sorgen und die Eltern dabei einzubeziehen. Angesichts gesamtgesellschaftlicher Herausforderungen wie der zunehmenden (Sprach-)Armut in den Familien und der Zuwanderung gewinnt die Sprachbildung in KiTa und Schule zusätzlich an Bedeutung.

 

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“
Ludwig Wittgenstein

 

An diesem  Tag kommen die über 130 Teilnehmenden auf Einladung der verwaltungsinternen Koordinierungsgruppe Sprachbrücken zusammen, um von den Erfahrungen des Modellprojekts zu profitieren und ihren Blick zu erweitern auf das umfassende diversitätsbewusste pädagogische Handeln. Eine wertschätzende Haltung gegenüber Kinder, Eltern und Kollegen hat sich als Schlüssel zu gelingender Kooperation erwiesen. Nicht nur die Sprache, sondern die gesamte (Lern-)Umgebung von Kindern sollte möglichst vielfaltsbewusst gestaltet sein, um jedem einzelnen Kind – egal welchen Geschlechts, welcher Herkunft, welcher Religionszugehörigkeit, etc. – zu ermöglichen, sein individuelles Entwicklungspotenzial voll auszuschöpfen. Durch eine wertschätzende Haltung der Vielfalt gegenüber und durch die Anerkennung der Verschiedenheit können Fachkräfte den Kindern spiegeln, dass jede/r einzelne genau so gut ist, wie er/sie ist. Denn nur, wer sich gesehen, gehört, akzeptiert und repräsentiert fühlt, kann ein positives und starkes Selbstbild entwickeln. Starke Kinder, starke Familien.

 

„Um allen Kindern Zugehörigkeit zu ermöglichen, brauchen Fachkräfte eine vielfaltsbewusste Haltung“
Prof. Dr. Katja Gramelt

 

 

Vortrag von Prof. Dr. Katja Gramelt (HS Düsseldorf): „Ein offener Blick kann Brücken bauen Diversitätsbewusste Pädagogik in Kita und Grundschule“

Worum geht es?

Vielfalt hat viele Dimensionen (z.B. Aussehen, Alter, Familienform, Psychische Konstitution, Religion, Soziale Lage, etc.) und wird als selbstverständlich kommuniziert. Tatsache ist aber, dass sie Fachkräfte vor Herausforderungen stellt und die Nicht-Beachtung von Vielfaltsaspekten Kinder in ihrer Entwicklung einschränkt und somit diskriminiert.

Warum Vielfalt in den Fokus rücken? Was ist Diskriminierung eigentlich?

Durch Sprache schaffen wir Realität, (re-)produzieren Vorurteile und diskriminieren so bewusst oder unbewusst. Diskriminierung bedeutet nicht lediglich, dass man eine Differenz feststellt, sondern dass man diese Differenz auch bewertet. Erst durch eine Bewertung und Hierarchisierung von Differenz wird Zugehörigkeit ermöglicht oder eben verhindert. Diskriminierung ist die Benachteiligung einzelner Personen oder Gruppen aufgrund bestimmter Merkmale, wie z.B. ethnische, politische und soziale Zugehörigkeit.

Wobei unterschieden wird zwischen individueller Diskriminierung, die von einzelnen Personen ausgeht und institutioneller Diskriminierung, die von Behörden, Institutionen, Strukturen und organisatorischen Aspekten ausgeht. Feststellbare Auswirkungen von Diskriminierung sind z.B.:

  • Schlechtere Bildungsabschlüsse bei Kindern mit Migrationshintergrund

  • Schlechtere Bildungsabschlüsse bei Kindern aus sozialökonomisch herausgeforderten Familien

  • Bessere Bildungsabschlüsse für Mädchen Sackgassenberufe (Karriere machen eher die Männer)

  • Kinder mit Behinderung werden in Statistiken oftmals gar nicht mitgedacht

Wie kann man Diskriminierung entgegenwirken?

Fachkräfte entscheiden über Wir und Andere. Und sie entscheiden über Zugehörigkeit oder Sonderrolle bewusst und unbewusst. Durch die Anerkennung und Ermöglichung von Vielfalt können Fachkräfte das (positive) Selbstbild von Kindern stärken und somit das Bildungspotenzial fördern. Aus starken Kindern werden selbstständige, mündige Bürger*innen, die ihre Lebensläufe selbst gestalten und ihre Potentiale ausschöpfen können. Und: Wer die Anerkennung von Vielfalt erlebt, wird diese Erfahrung wiederum fortsetzen in seinem eigenen Handeln.

Wie setzen Fachkräfte/Institutionen diversitätsbewusstes Handeln am besten um?

Vorgestellt wurde der sog. Anti-Bias-Ansatz, ein Ansatz vorurteilsbewusster Pädagogik, der hilft, Vielfalt anzuerkennen, Ausgrenzung zu vermeiden und Teilhabe zu ermöglichen. Ausgangspunkt dieses Ansatzes ist die Überwindung des „binären Denkens“ bzw. des Denkens in Schieflagen, welches Merkmale/Persönlichkeitsaspekte in zwei Kategorien gegenüberstellt. Die Schieflage entsteht erst dadurch, dass eine Kategorie als „normerfüllend“ angesehen wird, während die andere „normabweichend“ konnotiert ist. Dieses binäre Denken schränkt die Perspektive auf solche normativen Kategorisierungen, die wiederum Zugehörigkeit schaffen (oder eben nicht). Der Anspruch des Anti-Bias-Ansatzes ist daher, das binäre Denken aufzulösen bzw. die Perspektive von Fachkräften zu erweitern. Im Hinblick auf die Bildungsinstitutionen könnte man beispielsweise fragen: Wie kann pädagogisches Handeln der Verschiedenheit von Menschen gerecht werden und gleichzeitig das Prinzip der Gleichberechtigung verwirklichen? Oder anders gefragt:

 

Müssen Kinder zur Schule passen oder die Schule zu den Kindern?

 

Denn Kita und Schule sind nicht bloß Orte, an denen Kinder „nett miteinander spielen“, sie spiegeln gesellschaftliche Machtverhältnisse, dementsprechend ermöglichen sie einigen Kindern und ihren Familien mehr Teilhabe und Partizipationsmöglichkeiten als anderen.

Ziel der vielfaltsbewussten Pädagogik muss es also sein, diese Machtverhältnisse zu reflektieren und zu durchbrechen - also den Blick zu öffnen und Brücken zu bauen. Jedem Kind sollte eine Umgebung geboten wird, in der es sich als Individuum mit all seinen Facetten wertgeschätzt fühlt - in jeder sozialen Interaktion, Kommunikation und Partizipation.

 

Vielfältige Praxistipps zur Umsetzung des Anti-Bias-Ansatzes in der KiTa & Grundschule, weitere Hintergründe, Literaturhinweise und Quellenangaben finden Sie in der Präsentation von Prof. Dr. Gramelt.