28.06.2018, Bottrop

"Von frühen zu frühzeitigen Hilfen"

Die Fachtagung "Präventive Familienpolitik- zwischen Theorie und Praxis" fand am 13.06.2018 im Lichthof des Berufkollegs in Bottrop statt. Zentrale Fragestellung: Was kann die Politik, was kann die Stadtverwaltung tun, um Kindern und Jugendlichen ein gutes Aufwachsen zu ermöglichen? Wie kann Bottrops Familienpolitik „familiengerecht“ gestaltet werden?

V.l.n.r.: Dr. Anette Bunse, stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses Gesundheit, Soziales und Familie; Kerstin Stiewe, Koordinierungsstelle "Kommunale Präventionsketten", Stadt Bottrop; Bernd Tischler, Oberbürgermeister Stadt Bottrop; Renate Palberg, Vorsitzende des Ausschusses Gesundheit, Soziales und Familie; Willi Loeven, Stadtkämmerer und Dezernent für Gesundheit, Soziales und Familie; Foto: Stadt Bottrop

Prof. Dr. Klaus-Peter Strohmeier (em.), Ruhr Universität Bochum; Foto: Stadt Bottrop

Dr. Heinz-Jürgen Stolz, "Kommunale Präventionsketten NRW" - Institut für soziale Arbeit e.V.; Foto: Stadt Bottrop

Teilnehmende im Austausch auf dem "Markt der Möglichkeiten"; Foto: Stadt Bottrop

Praxisbeispiel: Quartiersmanagement in Bottrop-Batenbrock; Foto: Stadt Bottrop

Bottrop hat sich bereits auf den Weg gemacht und das Thema „Präventive Familienpolitik“ ganz oben auf die Agenda gesetzt. So entstand im September 2017 die Idee zu dieser Fachtagung, deren Aktualität und Relevanz sich auch in der regen Teilnahme der Stadtspitze sowie von Fachkräften aus Politik und Verwaltung widerspiegelte. Der amtierende Oberbürgermeister von Bottrop, Bernd Tischler, begrüßte die über 120 Teilnehmenden im Lichthof des Berufskollegs: Wissenschaft und Politik seien sich einig, dass es zentrale Aufgabe der Familienpolitik sei, Kindern bessere individuelle Lebenschancen und optimale Unterstützung ihrer Entwicklung zu bieten. Hierbei spielen die Familien – als zentrale Orte des Aufwachsens - eine wesentliche Rolle; sie seien nicht nur prägendes Umfeld für die Kinder, sondern auch Schnittstelle zu (Stadt-)Gesellschaft und öffentlich bereit gestellten Angeboten.  "Wir müssen Familien frühzeitig stärken und unterstützen, um allen Kindern ein gelingendes Aufwachsen zu ermöglichen."

Bernd Tischler, Oberbürgermeister der Stadt Bottrop

„Von frühen zu frühzeitigen Hilfen“

Damit Angebote und Unterstützung bei den Familien ankommen, die sie benötigen, braucht es nicht nur frühe, sondern frühzeitige Hilfen. Im Rahmen des Landesprogramms „Kommunale Präventionsketten Nordrhein-Westfalen“ hat die Stadt Bottrop ämterübergreifend seit 2017 eine Präventionsstrategie entwickelt: „Familie vor Ort – von frühen zu frühzeitigen Hilfen“ ist das Leitziel für die bereichsübergreifende Kooperation u.a. mit dem Gesundheitswesen, der Kinder- und Jugendhilfe und den (Familien-)Bildungseinrichtungen, um den Ausbau der kommunalen Präventionskette vor Ort voran zu treiben. Die Präventionskette ist gleichbedeutend mit einer besseren Vernetzung von Akteuren sowie der besseren Verzahnung von Angeboten und Hilfen für Familien - ausgehend von den individuellen Bedarfen.

Genau hier setzt auch die Fachtagung „Präventive Familienpolitik“ an, initiiert und organisiert von Kerstin Stiewe, Koordinatorin der kommunalen Präventionskette in Bottrop. Den Teilnehmenden aus unterschiedlichen Bereichen der Stadtverwaltung, von freien Trägern und Bildungseinrichtungen bot sich hier Gelegenheit für intensiven Austausch; der „Markt der Möglichkeiten“ lud ein, sich über Angebote und Initiativen zu informieren. Auch die „Theorie“ kam nicht zu kurz: In zwei Fachvorträgen legten anerkannte Experten auf dem Gebiet der präventiven Familienpolitik ihre Ansätze dar.

„Politik muss die Bedürfnisse von Kindern in den Vordergrund stellen.“

Prof. Dr. rer. soc. Klaus-Peter Strohmeier, Ruhruniversität Bochum

Offiziell ist Prof. Dr. Strohmeier zwar im Ruhestand – aber noch lange nicht gewillt, sich zurückzulehnen. Denn seine Herzensthemen sind Familie und Sozialpolitik. Er verdeutlichte, dass (präventive) Familienpolitik immer auf der lokalen Ebene stattfindet und (aus-)gestaltet wird – vor Ort, „da wo Familien leben“. Ebenso gebe es keine Familienpolitik „von der Stange“, vielmehr seien die unterschiedlichen Bedarfs- und Problemlagen von Familien ausschlaggebend – um „familiengerecht“ zu agieren. Im Kern geht es demnach darum, die Bedarfslagen der Familien zu erkennen und benennen zu können, also Transparenz darüber zu schaffen „Wo wird was gebraucht?“. Um Transparenz zu schaffen, benötigen Kommunen (kleinräumige) Daten, die erhoben und ausgewertet werden müssen. Daraus ließen sich dann integrierte kommunale Handlungskonzepte erarbeiten, die von „Akteursbündnissen“ in der Kommune umgesetzt würden – nicht nur von der Verwaltung, sondern z.B. von Akteuren aus Wirtschaft, Zivilgesellschaft, freien Trägern und Kirchen.

Nicht zuletzt appellierte Strohmeier, dass es bei allen familienpolitischen Maßnahmen darum gehen müsse, Eltern sowie auch Kinder zu stärken. In dem man Umgebungen und (positive) Erfahrungsräume schafft, die für Kinder gut sind.

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Chancen(-gerechtigkeit) schaffen durch kommunale Präventionsketten

Dr. Heinz-Jürgen Stolz stellte die Arbeit der Landeskoordinierungsstelle „Kommunale Präventionsketten NRW“vor, die 2012 unter dem Titel „Kein Kind zurücklassen – Kommunen beugen vor“ an den Start ging.  Die 40 teilnehmenden Kommunen des Programms legen einen Fokus auf Primärprävention.

„Ziel ist es, gute und anregende Lern- und Lebensumgebungen für alle Kinder und Jugendlichen zu schaffen.“

Dr. Heinz-Jürgen Stolz, Institut für soziale Arbeit e.V.

Dem entgegen steht der globale Trend der „soziale Entmischung“, welche benachteiligende Lebenslagen von Kindern und Familien nicht nur in einzelnen Sozialräumen, sondern auch in einzelnen Einrichtungen – Kitas und Schulen – verstärke. Somit verschärften sich ungleiche Ausgangslagen von Kindern und Jugendlichen und konzentrierten sich an bestimmten Orten. Um diese ungleichen Ausgangslagen „abzufedern“, um also die Chancengerechtigkeit zu erhöhen, bedürfe es eines strategischen kommunalen Vorgehens mit einem integrierten Handlungskonzept zur Prävention.

Initiates file downloadzur Präsentation/Vortrag Dr. Stolz (PDF)

Lese-Tipp: Kommunale Präventionsketten – Handbuch zur Qualitätsentwicklung

Im Anschluss an die Fachvorträge wurden kommunale Beispiele aus Bottrop vorgestellt, die zeigten, dass die Stadt hier schon auf einem guten Weg ist, die Bürgerinnen und Bürger an Planungs- und Entwicklungsprozessen zu beteiligen und bereichsübergreifend im Sinne von Familien zu denken: Über die inhaltlichen Schnittmengen und integrierte Handlungskonzepte sind folgende Programme / Initiativen in Bottrop gut vernetzt: